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Liebe Gemeinde, liebe Anwesende,
was haben Sie sich für das Neue Jahr 2010 vorgenommen?
Ich meine, was haben Sie so in Ihrer Planung, die Kinder in der Schule, Sie in der Arbeit oder zu Hause, auch in Ihren Freizeitbeschäftigungen, in Ihrer Tätigkeit im sog. Unruhestand: worum wollen Sie sich 2010 besonders kümmern, was wollen Sie endlich doch mal machen oder erleben, wozu Sie bisher einfach nicht gekommen sind, was wollen Sie anders oder besser machen als bisher? Und wann wollen Sie das alles machen? Was steht schon fest im Jahresplaner – Jahresurlaubsplanung schon gemacht? Was wollen Sie möglichst bald noch festlegen, bevor es zu spät ist? Zum Beispiel Opernkarten besorgen für Februar/März in München, das sollten Sie jetzt schon gemacht haben; Ferienaufenthalte organisieren, Flugtickets sichern – Einkommensteuererklärung 2008 vielleicht noch fällig? – oder 2009 diesmal wirklich bald machen? Einen längeren Auslandsaufenthalt planen, Jubiläen termingerecht vorsehen, Erbrechtsgeschichten rechtzeitig klären? Wie sicher planen Sie welche Termine wann schon im Voraus. Und: sind Sie sicher, dass die dann sicher sind?
Liebe Gemeinde,
ich beginne noch einmal - von einer anderen Seite her:
Mein Mentor im Vikariat in München hat einmal einen Top-Manager eines Großkonzerns beerdigt, der mit Mitte 50 durch einen Herzschlag mitten aus dem Leben gerissen worden war, aus dem beruflichen und aus dem Familienleben. Die Trauerfeier in einer barocken Friedhofskirche beginnt – es war 10 Uhr an einem Donnerstagvormittag, Arbeitstag also – Orgelvorspiel – und dann nach einer Kunstpause des Schweigens in die bebende Stille der überfüllten Kirche hinein begann dieser altersweise Pfarrer in leisem, bestimmten Ton, unüberhörbar – mit einem ruhigen Blick auf die Uhr: „Welchen Termin hätte er jetzt gerade gehabt?“
Der Predigttext für den heutigen Neujahrstag steht geschrieben im NT, im Brief des Jakobus im 4. Kapitel, die Verse 13-15, mahnende Worte!
13 Ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen –, 14 und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. 15 Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.
Liebe Gemeinde,
mit diesen Worten lehnt der Schreiber des Jakobusbriefes die weit verbreitete Meinung, der Mensch könne über seine Zukunft verfügen, entschieden ab. Dabei hat er als besonderes Beispiel vor allem Händler und Geschäftsleute im Auge, meint aber alle Christen, die Allgemeinheit – wie der Jakobusbrief ja auch einer von den sog. katholischen Briefen ist (neben 1.+2.Petrusbrief, 1.-3.Johannesbrief und Judasbrief) – „katholisch“, weil er an die Allgemeinheit, nicht an eine bestimmte Gemeinde oder Person gerichtet ist.
Er meint also alle Christen, die in überheblicher Selbstsicherheit auf weite Sicht Pläne machen und ihren Terminkalender so einrichten, als ob die Zeit ihnen unbeschränkt gehöre. Dabei wissen sie noch nicht einmal, was der kommende Tag bringen wird! Der Mensch versteht aber sein Leben nur dann recht, wenn er um seine Vergänglichkeit weiß und sich darüber im Klaren ist, dass er jederzeit vom Herrn über Leben und Tod aus seiner Geschäftigkeit herausgerissen werden kann. Von dieser Einsicht ergibt sich dem frommen Menschen eine ganz andere Einstellung zum Leben. Er stellt im Grunde alles Gott anheim. Und geplant wird immer nur unter dem demütigen Vorbehalt, dass nicht wir, die Menschen, über unser Leben verfügen können, sondern letztlich nur Gott unser Leben in seiner Hand hält, auch das Ende. Soweit der Jakobusbrief.
Ja, liebe Gemeinde. Es geht von daher gesehen heute am Neujahrstag um die Relativierung der Bedeutung unserer Planungen und Planungssicherheiten im Leben. Wir sollen uns da nicht zu sicher sein, uns da auch nicht hinein verbeißen. Wir sollen offen sein für Unberechenbares.
Nun wissen wir aus der Zeitmanagementtheorie und –praxis, dass heute in jedem einigermaßen professionell geführten Terminkalender das Unvorhersehbare, Nichtgeplante zu einem gewissen Zeit-Prozentsatz mit eingeplant wird – das kann man in Zeitmanagement-Ratgebern lesen –, aber damit ist in der Zeitmanagement-Sicht nun genau nicht jenes große menschliche Unvorhersehbare – Schicksalsschlag, Tod und ähnliches – gemeint, was man nicht durch ein von bestimmten Terminen frei bleibendes Zeitquantum doch wieder mit einplanen kann; sondern da geht es im wirtschaftsorientierten Zeitmanagement um Probleme, die einen unerwartet etwas mehr Zeit kosten, Geschäftsvorgänge, die ungeplant dazwischen kommen und so ähnliche Dinge. Dieses „Unvorhergesehene“ im Terminkalender ist ein Zeitquantum.
Dem neutestamentlichen Mahner zum rechten Leben geht es aber um die Zeit-„qualität“, damit meine ich: wie nehmen wir die bevorstehende Zeit persönlich wahr, wie deuten wir die von uns geplante und nicht geplante Zeit und wie gehen wir darin insgeheim mit unserer Lebenszeit um.
Denken Sie an jenen Topmanager. Nun, wir wissen nicht, ob er bei aller Terminflut, die er täglich zu bewältigen hatte, nicht doch auch zugleich ein frommer Mann war, der um die Begrenztheit und Relativität des eigenen Lebens nicht doch sehr wohl gewusst hat. Da steht uns auch kein Urteil zu, weil wir ihn nicht näher kennen. Sein Beispiel soll uns nur aufrütteln und sagen: Das könnte dir auch sehr leicht passieren! Behalte im Blick, was über deine Planungen hinausgeht, denke an das wahre Unvorhersehbare, das kein Mensch beeinflussen kann, und plane im Wissen darum, dass alles auch ganz anders kommen kann, dass deine Zeit begrenzt ist und jederzeit zu Ende sein kann.
Das Beispiel ermahnt und erinnert uns daran, dass wir selbst bei größter Planungskraft und Planungssicherheit alle auf doch sehr dünnem Eis leben. Das verdrängen wir in der Regel ganz gerne. Ist ja auch verständlich: wer kann schon leben mit dem dauernden Blick auf den möglicher-weise gleich bevorstehenden Tod? Unerträglich! Darum geht es aber nicht, sondern um die prinzipielle Geborgenheit in Gott! Die sollen wir uns bewusst machen. Aus ihr heraus leben. Nicht so tun, als wären wir die Meister unseres Lebens und hätten alles im Griff.
„Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben, und dies oder das tun.“
Das ist übrigens Jesu eigener Lebenseinstellung als Wanderprediger sehr nahe, was der Jakobusbrief hier sagt, ist aber auch allgemein antikes Gedankengut, griechisch und jüdisch und christlich.
„Wenn der Herr will, werden wir leben, und dies oder das tun.“
Das heißt zunächst: sei skeptisch bezüglich deiner eigenen Verfügungsmacht über Sicherheit, Reichweite und Erfüllung deiner Vorhaben und Planungen. Überschätze dich nicht, halte deinen Sinn prinzipiell offen für plötzliche Änderungen, die dir ungefragt und unbeeinflussbar im Leben widerfahren. Du bist nicht der Herrgott selbst.
Das heißt zum anderen: Lebe aus deinem Gottvertrauen heraus. Aus der Haltung etwa des Beters von Psalm 31: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Oder wie Jesus betet: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.“
Diese christlich gewünschte Lebenseinstellung und Glaubenshaltung kann der Ausgangspunkt einer Lebensführung sein, bei der du planen und tun kannst, soviel und so lange und was du willst (natürlich unter Beachtung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, der Gesetze und der guten Sitten).
Und zwar frei und gelassen, weil du weißt, dass du letztlich alles aus Gottes Hand empfangen wirst, wie es auch kommen mag, geplant oder ungeplant: das Gute und das, was dir schlecht ankommt. Alles letztlich gottgegeben.
Liebe Gemeinde,
ich schließe mit der Jahreslosung 2010, die uns mit anderen Worten dieses Gottvertrauen, aus dem heraus und von dem getragen wir durch Leben gehen sollen, auch nahe legt und – über den heutigen Predigttext aus dem Jakobusbrief hinaus Mut macht, dass wir uns nicht ängstigen sollen.
Der Spruch steht im Johannesevangelium Kapitel 14 Vers 1 und lautet:
Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!
Amen.
Und der Herr sei mit eurem Geiste. Amen.
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