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Heilung der Tochter der kanaanäischen Frau (Matthäus 15, 21-28)
21 Und Jesus ging aus von dannen und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon. 22 Und siehe, ein kanaanäisches Weib kam aus derselben Gegend und schrie ihm nach und sprach: Ach HERR, du Sohn Davids, erbarme dich mein! Meine Tochter wird vom Teufel übel geplagt. 23 Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten zu ihm seine Jünger, baten ihn und sprachen: Laß sie doch von dir, denn sie schreit uns nach. 24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nicht gesandt denn nur zu den verlorenen Schafen von dem Hause Israel. 25 Sie kam aber und fiel vor ihm nieder und sprach: HERR, hilf mir! 26 Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht fein, daß man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. 27 Sie sprach: Ja, HERR; aber doch essen die Hündlein von den Brosamlein, die von ihrer Herren Tisch fallen. 28 Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: O Weib, dein Glaube ist groß! Dir geschehe, wie du willst. Und ihre Tochter ward gesund zu derselben Stunde.
Liebe Gemeinde!
Mich hat dieses Evangelium des heutigen Sonntags fasziniert, über das ich in meinen 40 Dienstjahren als bisher Pfarrer nie gepredigt habe.
Schon die zwei Ortsnamen im ersten Satz haben mir einen Ruck gegeben: Jesus zog sich in die Gegend von Sidon und Tyrus zurück. Diese Gegend von Sidon und Tyrus, nördlich von Israel, im alten Kulturland Phönizien, dem heutigen Libanon, habe ich vor einigen Monaten intensiv aus der Nähe kennen gelernt auf einer Reise, die ich mit Gautinger Gemeindegliedern (auch mit Teilnehmern aus Berg und Starnberg) unternommen habe.
Wer heute in diese Gegend kommt, wo auf den Bergen am nahen Horizont die israelischen Radaranlagen zu sehen sind und die Menschen bei den Wahlen mit absoluter Mehrheit den Kandidaten der Hisbollah ihre Stimme geben, der kann sich leicht vorstellen, dass hier schon immer eine spannungsreiche Gegend war.
Die kulturell hoch entwickelten Phönizier aus Tyrus hatten fast 1000 Jahre vor Christus den Tempel in Jerusalem gebaut, auf Bitten des Königs Salomo, der wusste, dass seine eigenen Leute das nicht konnten, was aber schon damals nicht alle gut fanden. Und weil in den folgenden 1000 Jahren die Phönizier wirtschaftlich und politisch meist besser da standen als die Juden, waren nicht wenige von ihnen, meist der Not gehorchend, im Gebiet der phönizischen Städte ansässig geworden. Eine spannungsreiche Bevölkerungs- und auch Religionsmischung!
In diese Gegend zieht sich Jesus, der sich ja, wie er selbst sagt, nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt weiß, zurück, um Ruhe zu finden. Er will sich einfach nur ein paar Tage erholen.
Da kommt es zu dieser Begegnung
Die „kanaanäische“ (d.h. phönizische) Frau hatte sich aufgemacht. Sie hatte es gewagt, als Frau einen Mann in der Öffentlichkeit anzusprechen. Sie versucht nicht, von hinten sein Gewand zu berühren. Sie bleibt nicht ängstlich im Gebüsch sitzen und spricht ein stilles Gebet. Sie wagt den Schritt, der so viel Mut kostet. Sie setzt ihr ganzes Vertrauen auf den Retter des Nachbarvolks, auf den Retter Israels. Sie spricht ihn als den verheißungsvollen Nachkommen des Königs David an, als den Kyrios, also als den Herrn der Welt.
Und er antwortete kein Wort!
Wir kennen das wahrscheinlich aus eigener Erfahrung: Es gibt Zeiten, in denen Gott anscheinend nicht antwortet. Das schreit manchmal zum Himmel. In unserer Geschichte: Die schreit zum Himmel.
"Mach doch was, Jesus, die - schreit doch zum Himmel", fordern die Jünger. Wollen sie nur ihre Ruhe? Wollen sie die Frau unterstützen und Jesus zum Helfen motivieren? Wollen sie einfach eine Lösung - egal, wie sie aussieht; bloß dass sie nicht mehr so schreit; dass das Anliegen halt vom Tisch ist?
Jesus bestreitet einfach seine Zuständigkeit. Jesus antwortete ihr kein Wort. Auf die Mahnung der Jünger antwortete er nur ihnen. Konzentration tut not. Ist es das? Waren ihm die Aufgaben in Israel schon groß genug; nach dem Motto: Kümmern wir uns um die Nöte und Probleme unseres Volkes, diese sind schon groß genug.
Jesus antwortet: "Es geht mir um die Herde Israel und ihre verlorenen Schafe. Für andere Herden bin ich nicht zuständig, und ich will gewiss keine neue Herde aufmachen."
Aber die Frau lässt nicht locker.
Sie wirft sich vor Jesus auf den Boden.
Für das Matthäusevangelium ist das die einzig angemessene Haltung, um dem Messias zu begegnen. Sie wirft sich vor ihm nieder. Vielleicht demütig und doch auch ganz frech: Ja, Herr, aber trotzdem... Sie zeigt ein hartnäckiges Vertrauen zu dem, den sie Kyrios nennt. Es ist ein Vertrauen, das bei dem Schweigen Gottes nicht verstummt.
Für dieses Vertrauen ist nur das Wort hartnäckig angemessen. Sie beweist einen harten Nacken, einen, der Nackenschläge einstecken kann. Es ist das hartnäckige Vertrauen, dass die Widerstände, die Menschen in meiner nächsten Umgebung oder mich selbst betreffen, keine Dauerzustände sein müssen.
Es ist das hartnäckige Vertrauen, dass die widerstrebenden Mächte oder gar die böswilligen Geister nicht die Herren der Welt sind; sondern dass diese Welt von dem regiert wird, der gesagt hat: Ich will, dass allen Menschen geholfen werde; - für den jeder Mensch unendlichen Wert besitzt.
Dieses hartnäckige Vertrauen versetzt sie in die Lage, das eigentlich beleidigende, drastische Bild vom Hund, - vom Köter, der auf Reste wartet, - für ihre Zwecke weiterzudenken. Dieser Glaube weigert sich, die Platzanweisung "draußen vor der Tür" als endgültig hinzunehmen.
Die Frau erkennt mit ihrer Antwort an, dass die Juden eine Vorrangstellung im göttlichen Heilsplan haben. Aber anders als Jesus hat sie eine weit ausgreifende Vision vom Heil Gottes. In ihrer Vorstellung werden die anderen eingeschlossen. Die Frau ahnt, nein, sie pocht darauf, dass man (und frau) sich an dieses Heil hinhängen kann.
Deshalb bleibt sie hartnäckig, sie lässt nicht locker und erkämpft sich durch die rüde Zurückweisung hindurch die Erfüllung ihrer Bitte.
Sie sieht in Jesus mehr, als er selbst sieht. Jesus muss erst von der grenzüberschreitenden Kraft des Evangeliums überzeugt werden, bis er sagen kann: „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst. „
Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde. Not alleine lässt resignieren. Not und Glaube an den Erlöser lässt die Welt neu sortieren.
Groß ist dieser Glaube, weil er sich nicht den anscheinend unumstößlichen Realitäten fügt, sondern mit der weltweiten Macht des Kyrios rechnet.
Die Frau vertraut, dass weder das Schweigen Gottes noch die Platzanweisung "draußen vor der Tür" Gottes letztes Wort sein kann.
Und Jesus lobt das unbeirrbare Festhalten an diesem einen Punkt. Der große Glaube greift an diesem einen Punkt nach der Macht des Himmels, aber das tut er ganz konkret.
Nach der ersten und nach der zweiten Abfuhr nickt die Frau nicht mit dem Kopf: „Dein Wille geschehe."
Sie kämpft, bis es heißt: „Dir geschehe, wie du willst!“
Sie lebt keinen Ja-und-Amen-Glauben, sie kämpft für ein Ja-Herr-aber-doch. Sie hält ihr Leben und das ihres Kindes nicht für ein überflüssiges Wegwerfprodukt auf dieser Welt. Sie glaubt, dass es in den Augen Gottes mehr ist. Sie stellt sich nicht zu denen, die sich den Mächten der Welt ausgeliefert fühlen, weil sie beim Schweigen Gottes aufgehört haben zu hoffen. Sie riskiert ihren Glauben - ja sie setzt ihn hier richtig aufs Spiel - und hört nach dem Schweigen und den viel zu vielen „Aber“: „Frau, dein Glaube ist groß! Dir geschehe, wie du willst!“
So weit diese Geschichte. Vielleicht befremdet uns auch jetzt noch die Unterwürfigkeit, ja Selbsterniedrigung dieser Frau. Aber dahinter steht, wie wir gesehen haben, ein starker Durchsetzungswille, ein starkes Vertrauen, ein großer Glaube.
Sie erreicht durch ihre inständige Bitte, was sie möchte. Und deshalb ist sie bis heute, auch für uns Einladung zum vertrauensvollem, hartnäckigem Gebet. Eine Einladung die auch Jesus selbst aufgegriffen und unterstrichen hat in seinem Gleichnis von der Witwe und dem Richter (Lukas 18,1-8): Wenn schon der gottlose Richter der aufdringlichen Witwe schließlich nachgibt, wie viel mehr wird Gott die Gebete der Menschen erhören, die zu ihm schreien.
Genauso faszinierend wie die phönizische Frau ist auch, was in dieser Szene mit Jesus passiert: Er ringt mit der Frau, er ringt gleichzeitig darum, wie er sich selbst und seinen Auftrag verstehen soll. Und er gibt nach, aus einer neuen, erkämpften Einsicht heraus. Sein Horizont, sein Selbstverständnis weitet sich aus. Das wird hier in einmaliger Weise ausgedrückt: Er ist nicht der Gottessohn, der schon bevor er auf die Erde kommt alles weiß und es dann ausführt. Sondern er, der Mensch gewordene Gott, lernt dazu, er entwickelt sich, ist gerade darin ganz Mensch.
Vielleicht ist er darin auch für uns, die wir sicher nicht Jesus Christus sind, eine Ermutigung zum Vertrauen, dass auf unserem Weg mit Gott auch unsere Persönlichkeit sich entwickeln und unsere enge Lebensperspektive sich weiten wird. Amen.
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