|
Liebe Gemeinde!
Der Römerbrief des Apostels Paulus ist so etwas wie eine erste christliche Glaubenslehre, in der der Apostel mit großer gedanklicher Schärfe viele Fragen und Herausforderungen klärt und bedenkt, vor welche die jungen Christengemeinden im östlichen Mittelmeerraum gestellt waren. Ganz vorne auf der Liste der zu bearbeitenden Themen steht da auch die Entstehung des Christentums als eigenständige Religion aus dem Judentum heraus. Als Rabbi war Jesus im Judentum fest verankert, trotz seiner zahlreichen herausfordernden Äußerungen. Seine ungewöhnlichen Lehransichten, die Traditionalisten zum Widerspruch reizten, waren damals nichts Außergewöhnliches, sondern eher Anlass zu heftigen Diskussionen unter Seinesgleichen. Auch die nachösterliche Schar der Jesusfreunde in Jerusalem, die regelmäßig im Tempel betete, konnte als so etwas wie eine weithin eigenwillige Splittergruppe innerhalb der jüdischen Religionsgemeinschaft verstanden werden.
Erst Paulus war es, der das Tischtuch des gemeinsamen Glaubens zerschnitt, indem er Menschen aus anderen religiösen Traditionen, die sich für Jesus Christus interessierten, einen Zugang zur Gemeinschaft der an Jesus Christus Glaubenden eröffnete. Er setzte nicht mehr eine Aufnahme ins Judentum samt Anerkennung und Vollzug der jüdischen Riten, Speisegebote und anderen religiösen Gesetze und Bestimmungen voraus. Damit war das Christentum als eigenständige Religionsgemeinschaft begründet. Es war die entscheidende theologische Erkenntnis des Paulus, dass mit dem Glauben an Jesus Christus alles religiöse Regelwerk seine Heilsbedeutung und Heilsnotwendigkeit verloren hatte. Der Glaube allein gestaltet die Beziehung zu Gott, nicht die religiösen Regeln. Die sind vielmehr darauf hin zu prüfen und daran zu orientieren, was für das Leben des einzelnen bzw. für das Zusammenleben in der Gemeinschaft hilfreich und nützlich ist.
Die Apostelgeschichte erzählt uns, wie Paulus auf seinen Missionsreisen immer wieder versucht hat, seine jüdischen Glaubensgenossen von seinen neuen Einsichten zu überzeugen, und wie ihm das auch immer wieder Ablehnung, Hass und Verfolgung eingebracht hat. Und doch hörte er nicht auf zu werben, zu überzeugen, zu argumentieren, für seine neue Sichtweise einzutreten. Immer wieder machte er deutlich, wie sehr er trotz der Trennung samt seiner neuen theologischen Glaubensüberzeugung der jüdischen Tradition verbunden blieb. Darum geht es auch in unserem Abschnitt aus dem Römerbrief.
Nun könnte man sich bei der Lektüre der entsprechenden Passagen des Paulus in seinen Briefen zufrieden darin bestätigen lassen, als Christ mit ihm auf der richtigen Seite zu stehen. Das ist ja auch sicherlich nicht falsch. Ertragreicher aber erscheint es mir, genauer hinzusehen, wie so ein Missionar und Denker wie Paulus in enger Beziehung zum Bisherigen entschieden seinen neuen Weg sucht und geht. Denn das ist in gewisser Analogie auch für unsere Zeit angezeigt: sich mit dem überlieferten Glauben auf neue Herausforderungen einzulassen, sich mit neuen Glaubens- und Denkwegen auseinander zu setzen – auch mit dem Risiko, dass es da und dort zu schmerzhaften Veränderungen und Schnitten kommen kann.
Paulus schreibt, was für ihn bei diesem Prozess besonders leidvoll ist. Er ist überzeugt von der Tragfähigkeit seiner neuen Glaubenseinsichten, und er leidet zugleich am Widerstand derer, mit denen er sich doch immer noch so tief verbunden fühlt. Er würde – so sagt er - sogar mit seinen bisherigen Glaubensgenossen tauschen: um deren Teilhabe an der Freiheit des Christusglaubens willen würde er sogar selbst auf diese Freiheit verzichten. Das ist sehr viel. „Ich selbst wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammesverwandten sind nach dem Fleisch.“ Paulus war sicherlich ein entschlossener Kämpfer für seinen Glauben – und zugleich war er bereit, um der anderen willen auf Vorteile jeglicher Art zu verzichten, sogar auf den des eigenen Seelenheils. Das unterscheidet ihn m.E. deutlich von allen möglichen fanatischen Religionsgründern, die bei allem Missionseifer zugleich auf ihr eigenes Wohl bedacht sind, oft auch auf Ämter und Machtpositionen, die sich gerne ihr religiöses und oft zugleich auch wirtschaftliches Imperium errichten, in denen sie über den anderen stehen, den Anspruch auf absolute Autorität stellen können. Paulus stellt sich hier nicht als der Fordernde dar, der die anderen klein macht, sondern als derjenige, der mit Zuneigung und Liebe um seine Sache wirbt.
Für neue religiöse Gedanken einzutreten heißt damit im Sinne des Paulus, den anderen in deren Glaubenstraditionen nahe zu bleiben, sich wohl an ihnen zu reiben, aber auch einzustecken – und dabei zugleich dem Eigenen treu zu bleiben. Andere zu überzeugen darf dann nicht heißen, anderen eine neue Sicht einfach überzustülpen, sondern sie herauszufordern und herauszulocken, sich der Auseinandersetzung zu stellen. In ihr sollen alle Beteiligten das mitgebrachte Eigene einbringen können und es nicht einfach bloß abschütteln müssen. Eintreten für eigene Überzeugung und Werben um sie braucht immer auch den Respekt vor den anderen, die gleiche Augenhöhe, die Wertschätzung als Menschen mit ihrer je eigenen Biografie.
Und dann argumentiert Paulus. Da hat er besonderen Stärken. Zunächst taucht er ein in den Reichtum der gemeinsamen biblischen Tradition. Da ist so viel an Bundesschlüssen und Verheißungen, an überlieferten Gottesbeziehungen, eine Fülle an Gottes- und Glaubensgeschichte, an Geschichten und Symbolen, Glaubenszeugnissen und Anlässen zu Festen und Feiern. Es ist die große Tradition des im israelitisch-jüdischen Traditionszusammenhang entwickelten Monotheismus, des Glaubens an den einen Gott. Paulus spricht seinen jüdischen Glaubensgeschwistern nichts von diesem Reichtum an geschichtlichen Gotteserfahrungen ab. Aber er stellt sie zugleich wohldurchdacht in einen neuen Zusammenhang.
Dieser neue Zusammenhang ist die Botschaft von Jesus Christus und das, was dieser Jesus mit seinem Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen für uns Menschen gebracht hat an neuen Sichtweisen, an Freiheit des Glaubens, an Weitblick, Überzeugungskraft. Zweierlei ist Paulus dabei wichtig: zum einen ist das Neue aus der Mitte der jüdischen Glaubenstradition heraus entstanden. Jesus war Jude, lebte und wirkte inmitten der jüdischen Tradition. Und alles, was er tat, ist von ihr her zu verstehen. Das andere ist, dass das Neue über den Rahmen des Gewohnten und Vertrauten hinaus führt und letztlich zur Trennung von denen führen muss, die diesen Weg nicht mitzugehen bereit sind. Es ist nicht leicht, beides gleichermaßen gut im Gleichgewicht zu halten, denn immer wieder steht die Frage im Raum: rechtfertigt dieser reiche Schatz an gemeinsamer religiöser Vergangenheit den harten Schnitt der Trennung? Wäre es nicht besser für alle gewesen, ihn zu vermeiden, unter dem gemeinsamen Glaubensdach zu bleiben? Ließe sich die Rückkehr zu ihr nicht doch noch in die Wege leiten? Sollte um des Ideals der Einheit willen nicht Trennendes rückgängig gemacht werden?
Ich denke im Blick auf das Verhältnis von Judentum und Christentum z.B. an das Modell der sog. jesuanischen Juden, die der Botschaft Jesu, seinem Evangelium folgen, dies aber bewusst als Juden im Rahmen der jüdischen Glaubensgemeinschaft tun. Aber bleibt da der Anspruch des Neuen gewahrt? Paulus steht zur gemeinsamen Geschichte und er steht zugleich auch zu den Schritten der Trennung, um dem Neuen das ihm zustehende Gewicht zu geben. Das begründet er und will davon auch nichts rückgängig machen.
Auch eine andere Frage ergibt sich daraus: Wem gehört denn nun das gemeinsame Erbe? Wem steht gewissermaßen das „Sorgerecht“ für es zu? In der christlichen Kirchen- und Theologiegeschichte lassen sich da zwei Umgangsweisen beobachten: die eine ist die Abgrenzung, die sich entschieden vom Alten löst, die das Neue im puren Gegensatz zum Alten definiert – also das tut, was Paulus gerade nicht wollte. So war und ist immer wieder zu hören, das NT und die Botschaft von Jesus sei doch etwas ganz anderes als vorangegangenes Judentum: dort das Gesetz (anschaulich noch in der Formulierung „Auge um Auge, Zahn um Zahn“), hier das Evangelium der Liebe; dort die blutrünstigen Geschichten von der Eroberung Jerichos bis zu David und Goliath, hier das heilende Wirken Jesu. Aber solche Abgrenzungen helfen nicht weiter. Auch in den Kirchen der Reformation gab und gibt es Ähnliches: evangelisch ist dann definiert durch das Nicht-Katholische. Mit solcher Abgrenzung aber steht das Neue auf wackeligen Beinen, hat es keine rechte Eigenständigkeit.
Es gibt auch die umgekehrte Methode der Vereinnahmung: christliche Theologie war sehr oft davon bestimmt, schon die israelitisch-jüdische Tradition des Alten Testaments als Hinweise auf Jesus Christus zu lesen und dies als die einzig sinnvolle und mögliche Deutung zu verstehen. Jüdische Lektüre des AT steht damit im Zeichen der Blindheit für die wahre Bedeutung ihrer eigenen Tradition, wie es z.B. die Figur der personifizierten Synagoge am Straßburger Münster zeigt, der die Augen verbunden sind. Dagegen ist festzuhalten: das Alte Testament bleibt auch das Buch der jüdischen Religion mit deren eigenen Auslegungstraditionen. Aus diesem Grund bezeichnen übrigens viele Theologen heute dieses Buch als die Hebräische Bibel im Unterschied zur Bezeichnung als Altes Testament, das seine Abwertung und Unselbständigkeit gegenüber dem Neuen suggerieren könnte.
Wie gelingt es, die Balance zu halten, die dem gemeinsamen Alten das ihm gebührende Recht gibt, und zugleich dem Neuen den ihm zustehenden Raum für seine Entfaltung öffnet?
Paulus verwendet in seiner theologischen Argumentation die Unterscheidung zwischen einem Judentum nach dem Fleisch und einem nach dem Geist. Er öffnet so die Grenzen und bestimmt das Verständnis des Volkes Gottes viel weiter als bisher. Zugehörig dürfen sich damit nicht nur die in diesen Religionsverband hinein Geborenen oder hinein Bekehrten wissen, sondern alle, die sich in der Geschichte des Gottesvolkes Israel, in den in ihr überlieferten Erfahrungen mit Gott wiederfinden können – auch wenn sie diese Erfahrungen mutig und konsequent auf die je eigene Situation hin bedenken und weiterführen, d.h. von dem her neu verstehen, was ihnen eine neue Perspektive des Verständnisses gegeben hat. Da steht nicht der Ausschluss der anderen im Vordergrund, sondern der weitere Rahmen, das größere Haus samt Verschiedenheit mit den Diskussionen und Auseinandersetzungen, die in ihm geschehen. Paulus hat diesen Rahmen geschaffen mit seiner Neuinterpretation des Alten von den Erfahrungen mit Jesus Christus her, die er den anderen zumutet. Und so fordert jede Zeit ihre neuen Interpretationen, die Bisheriges öffnen auch für weitere Perspektiven, die durch Zweifel und Anfragen die Türen zu neuen Sichtweisen aufstoßen.
Neues war in der Geschichte des Christentums immer auch mit institutionellen Trennungen verbunden, über deren Unvermeidbarkeit man spekulieren und unterschiedlich denken kann. Entscheidend aber ist doch, dass das Überlieferte in Bewegung bleibt, dass es mit den Herausforderungen jeder Zeit seine neuen und weiteren Kreise zieht. Und das ist auch die Herausforderung für die Gegenwart: dass die Botschaft des christlichen Glaubens eine Hilfe sein kann für die vielen Menschen, die auf der Suche nach neuen Antworten sind, mit dem Überlieferten oft nur noch wenig anfangen können, aber durchaus bereit sind, es unter neuen Sichtweisen auch neu zu verstehen und sich so den reichen Schatz der Tradition in neuer Weise anzueignen. Dazu gehört auch Auseinandersetzung und gedanklicher Streit, ob und inwiefern die neuen Gedanken dem Überlieferten wirklich gerecht werden. Entscheidend ist, dass solche Auseinandersetzung von gegenseitigem Verständnis und erwiesener Wertschätzung bestimmt sind und nicht von Besserwisserei, nicht von Ausschluss- und Abgrenzungsintentionen, sondern von der Zusammengehörigkeit all derer, die als religiös Suchende unterwegs sind und dabei der christlichen Botschaft immer noch viel zutrauen.
Amen.
Zurück
|