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Herr, gib trübe Augen für Dinge, die nicht taugen, und Augen voller Klarheit für dich und deine Wahrheit. Amen.
Liebe Gemeinde,
diese vergangene Woche war – kirchlich gesehen – anders als viele andere Wochen. Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche hat durch die Ettal-Geschichte ein weiteres schwieriges Kapitel dazu bekom-men, über St. Ottilien und die Maristen in Mindelheim wird jetzt auch geredet. Wir wissen nicht, wie das noch weitergeht. Wird es noch weitere böse Entdeckungen zu machen geben? - Ein „gefundenes Fressen“ für jeden Enthüllungsjournalisten! Und es ist ja unter dem Konkurrenzdruck, der in der Journalisten-Branche herrscht, zumindest sehr verführerisch, zum Enthüllungs- und sensationsorientierten Schreiberling zu werden.
Wie es der katholischen Kirche damit geht, ist kein Grund zur Häme für uns Protestanten. Ich weiß zwar nicht, ob es analoge Fälle auch bei uns in der evangelischen Kirche gibt. Ausschließen kann man so etwas nie.
Für uns alle jedoch, Katholiken und Evangelische, auch die Amtsträger, auf welcher Ebene auch immer, auch ganz unabhängig von Kirche und Konfession gilt: alle Menschen sind keine Heiligen, sondern auch immer „Sünder“ zugleich. Das ist realistisch gesehen so. Deswegen heißt es ja auch im Glaubensbekenntnis unmittelbar aufeinander folgend: Ich glaube … an die Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden.
An diesem Doppelcharakter unserer menschlichen Existenz, an dieser Doppelgesichtigkeit unserer Lebensführung ändert sich auch nichts oder höchstens ganz wenig im Laufe eines Lebens, um es mit einem Wort von Alexander Solschenizyn im „Archipel Gulag“, wo er als KZ-Häftling war, zu beschreiben:

Ja, da hat er wohl sehr recht mit seinem der biblischen und lutherischen Sicht des Menschen verwandten, pessimistischen Menschenbild.
Und das gilt auch für kirchliche Würdenträger, wenn ich das so sagen darf: „Hochwürden“ sind nicht nur manchmal auch „Merkwürden“, sondern können sogar rechte „Unwürden“ sein. Auch sie sind genau im Sinne dieses Doppelcharakters Menschen, die bei allem Guten, das sie an sich haben, in sich tragen, sagen und auch vorleben sollen, eben auch moralisch fehlbar, machen Fehler, zum Teil auch schwere und haarsträubende. Sie sind genauso unzulängliche Wesen wie alle anderen. Daran ändert der ihnen bisweilen zugewiesene Nimbus des Besseren und Heiligmäßigen gar nichts.
Einen ziemlich haarsträubenden Fehler hat unsere inzwischen zurück-getretene oberste Repräsentantin Margot Käßmann gemacht. Und das ging diese Woche ganz groß durch die Medien. Die Medien scheinen ja vor allem in solchen Fällen des moralischen und rechtlichen Vergehens von Prominenten eine selbst schon fast unfehlbare Instanz und Institu-tion der Vergehensbeobachtung und des moralischen Wächtertums zu sein. Früher, etwa im Mittelalter, und reduziert auch heute noch spielte diese gesellschaftliche Rolle die Kirche. Leistet sich eine prominente, öffentliche Person einen Fehltritt, wird in großer medialer Inszenierung auf die Verfehlung, um die es geht, noch eins draufgesattelt und der Vorfall in einer Weise skandalisiert und die Person öffentlich gebrand-markt, bloßgestellt, be- und verurteilt, dass sich der Eindruck aufdrängt, das Jüngste Gericht sei bereits heute angebrochen – alles wird ans Licht gezerrt und brutal öffentlich ausgeliefert – das nennt man dann beschö-nigend Transparenz –, so dass der, den es trifft, sich bereits jetzt wie in einer Art Vorhölle vorkommen und fühlen muss. Und bei kirchlichen Repräsentanten wird das journalistischerseits sehr gerne noch mit Häme und Hohn gewürzt, sei es in Glossen oder mit Karikaturen.
Ganz klar, Margot Käßmann hat einen schweren Fehler gemacht, den sie auch als solchen eingesehen und eingestanden hat.
Wenn Ihnen oder mir das passiert wäre, wäre das als Fall der Verletzung der Regeln „Du sollst nicht alkoholisiert Auto fahren“ in Kombination mit „Du darfst nicht über Rot fahren“, wahrgenommen und entsprechend geahndet worden, und es wäre wahrscheinlich ohne großes öffentliches Aufsehen über die Bühne gegangen, wobei: vielleicht schon bei einigen prominenten Mitgliedern dieser Gemeinde nicht, und auch bei mir nicht so ganz, weil es dann geheißen hätte: „Der Pfarrer von Berg“ wurde, womöglich sogar von einem gewissen Hauptkommissar in Starnberg, der auch noch der Vertrauensmann im Kirchenvorstand in Berg ist, erwischt, als er mit 1,54 Promille in Percha über Rot fuhr. Das wäre natürlich sehr delikat, auch für die Presse - aber eben nur für die lokale.
Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Menschen, die irgendeine öffent-liche Bedeutung oder ein angeblich besonderes Amt haben, sollen vorbildlich sein. Und je höher sie in Amt und Würden stehen, desto würdiger müssen sie auch sein und sich benehmen. Deren Fehler werden sehr viel sensibler wahrgenommen als die des sog. normalen Menschen, obwohl diese Menschen ja unabhängig von ihrem rollen-bezogenen gesellschaftlichen Ansehen, also ihrem „Amt“, auch ganz normale Menschen sind, geblieben sind, hoffentlich.
Es wird mit zweierlei Maß gemessen, und im Fall Margot Käßmann, könnte man sogar sagen, auch noch zurecht: Sie hat nämlich sehr oft mit hoch erhobenem moralischen Zeigefinger ethische Probleme thema-tisiert (zuletzt etwa zum Thema Afghanistan), die wirklich einer besseren Lösung zugeführt werden müssten – man halte im Fall ihres friedensbewegten Afghanistan-Votums politisch davon, was man wolle!
Zu ihrem ethisch-moralischen Engagement gehörte nun unter anderem aber auch, dass sie sich vor etwa einem Jahr, als sie zwar Bischöfin war, aber noch nicht EKD-Ratsvorsitzende, ausgerechnet selber eindeutig öffentlich gegen Alkohol am Steuer ausgesprochen hat, so Welt-online.
Und dann wird das Ganze zu einem Thema nicht nur der Regelver-letzung, die auch jedem anderen passieren kann, auch wenn es nicht sein darf – jener vorhin genannte Hauptkommissar weiß ein Lied davon zu singen, welch schlimme Folgen für Dritte ein solches Verhalten hätte haben können und oftmals schon gehabt hat – die Bischöfin hatte insofern Glück im Unglück, es kam kein Dritter zu Schaden. Sondern dann wird das Ganze zu einem Thema der persönlichen Glaubwürdig-keit, und zwar nicht irgendeiner, sondern der persönlichen Glaubwürdig-keit im Amt. Gerade wenn sie sich als persönlich stark identifizierte Amtsperson zu diesem Thema eindeutig positioniert hat – Alkohol am Steuer ist übrigens kein spezifisch christliches Thema, nichts besonders Evangelisches oder Kirchliches - , sondern damit nur das geltende Recht moralisch unterstützt: dann darf sie sich auch persönlich nicht anders verhalten. Das gilt für jeden, auch für sie.
Und wenn das Thema dann auch noch am Beginn der Fastenzeit passiert, die ja gerade auch dank des Engagements von Frau Käßmann nicht nur in der Gesellschaft allgemein, sondern auch in der evangeli-schen Kirchenwelt wieder fröhliche Urständ feiert – sieben Wochen ohne! –, dann trägt das ganze Züge einer Farce und musste für die Betroffene sehr peinlich werden, oder besser gesagt: tragisch?
Wer Person und Amt von sich aus zu sehr vermischt, der darf sich auch dann nicht wundern, wenn eine persönliche Verfehlung eine weitere glaubwürdige Amtsführung erschwert oder gänzlich unmöglich macht.
Ob es richtig ist, dass sie deswegen von Ihrem Amt zurückgetreten ist, weiß ich nicht recht. Der Rücktritt ist aber genau dieser Logik von übertriebener Vermischung von Person und Amt geschuldet, von ihr persönlich so gesehen und hoch respektabel.
Liebe Gemeinde,
was ich interessant finde an dem, was da diese Woche passiert ist, ist:
Im Falle der Diskussion um die Misshandlungen im katholischen Bereich wird immer auch gleich mit diskutiert, ob das System in Ordnung ist: das des Ordenslebens, das des Zölibats: da wird der hohe, von Priestern und Ordensleuten an sich selbst gestellte Anspruch der Keuschheit, einer der drei Säulen des Mönchtums – neben Armut und Gehorsam gegenüber dem Abt – in Frage gestellt. Und damit sind die sexuellen Vergehen an Kindern nicht nur ein zivil- und strafrechtlich relevanter Vorgang, nein, es geht zugleich um viel mehr: die Keuschheit ist „systemrelevant“, glaubens- und kircheninstitutionsrelevant.
Und weil er es ist, wird alles daran gesetzt, die Problemfälle zu persona-lisieren, individualisieren. Dann handelt es sich „nur“ um soundso viele mehr oder weniger schwere Einzelfälle, die aber dennoch wegen ihrer Systemrelevanz das Image der ganzen Kirche schädigen können.
Davon allerdings kann im Fall Käßmann wohl kaum die Rede sein.
(Es geht übrigens anhand dieses Vorfalls auch nicht um das General-thema Kirche (oder Christentum, überhaupt Religion) und Alkohol, wie es ein Feuilletonist nicht ohne Unterhaltungswert, aber mit Verletzung der Grenzen des guten Geschmacks unter dem Titel „Der Saufteufel“ groß aufgezogen hat. Ja, wenn die schreibende Zunft vorgezogenes Jüngstes Gericht spielt, vergreift sie sich auch mal gerne, und zwar mit Worten – aber auch an lebenden Personen.)
Der Fall Käßmann ist ein Einzelfall, in hervorgehobener Position, ein peinlicher Ausrutscher, den sie sich nicht hätte erlauben dürfen. Sie wird an ihren eigenen moralischen Maßstäben, nicht an institutionellen Vor-gaben, gemessen, an ihrer eigenen Berufung auf Moral und geltendes Recht. Sie wird persönlich – und eben nicht systembezogen – behaftet an dem, was sie selbst engagiert einmal gesagt hat.
Keiner der Journalisten, und ich habe viele Kommentare in Zeitungen und online gelesen, hat sich dazu aufgeschwungen, dass sie „das System“, „die evangelische Kirche“ in ihren Grundsätzen damit in Misskredit gebracht hätte. Höchstens vielleicht „das Amt beschmutzt“, wie eher kirchlich Konservative sinngemäß schimpfen. Aber die überwiegende Mehrheit der Protestanten, auch die Führungsgremien hätten und haben ihr das verziehen und sie weiter unterstützt.
Und damit hätten und haben diese Leitungsgremien nach meinem Verständnis im Sinne des Evangeliums Jesu Christi gehandelt:
in Matthäus 7 und Lukas 6 steht geschrieben, und das ist Jesu Wille auch für uns heute, egal, wer du bist:
„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen?, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge. Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.“
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“
Liebe Gemeinde,
barmherzigen Umgang sollen wir pflegen.
Nachsicht wurde geübt im Fall Käßmann von vielen, nicht von allen, vor allem sie selbst konnte sich ihren Fehler wohl nicht verzeihen. Der Rückzug ist aus ihrer Sicht zumindest konsequent.
Im Fall der Missbrauchsdelikte wird es schon schwerer, Barmherzigkeit zu üben – das ist vor allem eine Frage der Opfer, wie sie damit umgehen können, Barmherzigkeit unbeteiligter Dritter gegenüber den Tätern wäre Zynismus. Da dürfen wir uns höchstens ein Urteil erlauben im Interesse einer Gesellschaft, die garantieren können muss, dass Kinder gewaltfrei und körperlich und psychisch unversehrt aufwachsen. Dafür gibt es gel-tendes Recht, das angewendet werden muss, präventive Schutzmaß-nahmen, eine offene Gesprächskultur und „ein Herz für Kinder“.
Und was uns selbst betrifft, mit all unseren eigenen, ganz persönlichen Schwächen und Fehlern, die wir machen – wenn wir sie uns eingestehen – und mit unserer eigenen Doppelnatur von Gut und Böse in uns?
Da, denke ich, hilft die fünfte Bitte des Vaterunser: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Vergebung wäre heute insgesamt deutlich mehr angesagt als es derzeit gesellschaftlich und auch kirchlich üblich ist! Und da muss sich jeder selbst an der eigenen Nase fassen, ich mich auch.
Denn sonst fragt Jesus selbst zu Recht auch uns (Lukas 6, 46):
„Was nennt ihr mich Herr, Herr, und tut nicht, was ich euch sage?“
Antwort: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“
Amen.
Und der Herr sei mit eurem Geiste.
Amen.
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