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Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Berg am Starnberger See

Aktuelles

Predigttext Pfarrer Johannes Habdank

Aktuelles >>
Matthäus 11, 25-30
Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Him-mels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohl gefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch er-quicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanf-tmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
 
Liebe Gemeinde,
diese Passage aus dem Matthäusevangelium macht mit knappen, nicht ganz leicht verständlichen Worten deutlich, was Jesus selbst glaubt, wie er sich selbst sieht und was er und sein Gott für uns Menschen heute sein will.
 
1. Was Jesus selbst glaubt
Jesus lebt ein ganz wundervolles unmittelbares Gottesverhältnis. Der Herr des Himmels und der Erde, den man sich ja auch recht abgehoben und majestä-tisch vorstellen könnte, ist ihm sein Vater. Und zwar so nah und geistig intim, dass beide ein Team sind, das sich wie blind versteht, harmoniert und zu-sammenspielt. Vater und Sohn kennen sich gegenseitig in- und auswändig. Und der Sohn hat alles vom Vater übergeben bekommen, was dem Vater wichtig, was ihm wertvoll ist. Der Sohn ist vom Vater in die Geheimnisse des Lebens eingeweiht worden. Das ist das Bild, das Gleichnis Jesu für sein ideales Gottesverhältnis. 
Man könnte diese Beschreibung auch auf das Mutterverhältnis übertragen. Da gibt es ja auch schon im Alten Testament vereinzelt Stellen, z.B.: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“, spricht der Herr (Jes 66,13). Aber darum geht es im Gottesglauben eigentlich nicht: ob Vater oder Mutter, sondern um die damit beschriebene Innigkeit, Vertraulichkeit und Ver-trautheit mit Gott im persönlichen Glauben. Und da kann das Mutterverhält-nis genauso bezeichnend sein wie das Vaterverhältnis.
So innig wie Jesus kennt im Grunde nur der Sohn den Vater wirklich und um-gekehrt - so ist nun mal das Bild, das Jesus verwendet hat für seine Beziehung zu Gott.
Und Jesus beansprucht: Alle anderen kennen Gott nicht wirklich und auch nicht annähernd so wie er, Jesus. Schon gar nicht die Weisen und Klugen, die Wissenden und Verständigen. Damit sind die Religionsprofis, Theologen und Gesetzeslehrer gemeint, die zwar viele religiöse Gesetze kennen – über 600 waren es damals - , Lehren und Regeln entwickelt haben für die Menschen, aber damit die Leute, die weniger Ahnung haben, die „Unmündigen“, wie es heißt, nur knechten und belasten. Ja, für jede Lebenssituation gibt es eine Re-gel, Vorgabe, Vorschrift, Gesetz. Eine Art ethisch-religiöser Knigge für alle Le-benslagen, nur sehr viel ernster, denn es ist ja alles letztlich Gottes Wille.
Alle anderen kennen Gott nicht wirklich und nicht annähernd so wie er, Jesus, habe ich gesagt. Oder doch? Ja, doch, es gibt welche, denen Gott sich auch so offenbart, zu erkennen gibt und nahe ist wie Jesus. Und zwar die sog. Un-mündigen, die Mühseligen und Beladenen.
Und wer vermittelt ihnen das? Jesus selbst, und nur er.
 
2. Wie Jesus sich selbst sieht
Dass Jesus sich als Sohn seines Vaters im Himmel sieht, das ist ja zunächst eine mehr formale Beschreibung, die die Innigkeit und Unmittelbarkeit seiner Gottesbeziehung ausdrückt. Wie sieht er sich und damit implizit auch seinen Gott aber inhaltlich? Jesus verwendet für sich das Bild eines Lastenträgers. Ein Lastenträger ist jemand gewesen, der ein Joch trägt, eine Art Stange quer hin-ter dem Kopf, über beide Schultern auf den Nacken gelegt. Und an den bei-den Enden dieses Jochs sind Ringe oder Ketten angebracht, an denen die Last hängt, zum Beispiel zwei Körbe, die voll beladen sind, oder zwei volle Wasser-eimer. So ein Joch belastet normalerweise die Menschen, die es tragen, schwer. Und mit diesem Bild zielt Jesus auf jene Religionsprofis, Theologen und Gesetzeslehrer seiner Zeit, die mit ihren vielen Regeln die Menschen be-lasten.
Jesus verwendet diese Bild vom Joch nun auch für sich, aber in ganz parado-xer, widersprüchlicher Weise, wenn er sagt: Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, mein Joch, meine Last ist leicht.
Warum? Weil der Inhalt seiner Last, dessen, was er verkündet und vorlebt, ent-lastend ist. Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, wie es heißt. In heutiger Sprache: Ich bin von geduldiger Freundlichkeit, wertschät-zend gegenüber jedem Menschen, nachsichtig, und vertraue dabei Gott in allem von Grund auf.
Das ist revolutionär, umwälzend bis heute. Jesus orientiert sich in seinem Glauben, seinem Selbstverständnis und in seinem Verhalten nicht an den reli-giösen und gesellschaftlichen Eliten. Er orientiert sich an all denen, die dem auf sie einwirkenden Druck nicht gewachsen sind, weil sie eine Schwäche ha-ben, die den gesellschaftlichen Normen nicht gerecht werden können, die ausgegrenzt werden oder/und in Unmündigkeit gehalten werden. An allen, die deswegen offen diskriminiert oder auch nur verdeckt verachtet werden.
Ihnen allen gilt Jesu geduldige Freundlichkeit und Wertschätzung und Nach-sicht im Vertrauen auf seinen Gottvater, mit dem er sich wesentlich gleichge-sinnt sieht.
 
3. Und damit bin ich beim 3. Punkt: Was will Jesus und sein Gott für uns heute sein?
Ein Ent-Lastender. Wir sollen im Blick auf Jesus und von ihm lernen, dass wir mehr sind als das, was an uns toll ist und was wir können und leisten, mehr sind als das, was uns sympathisch und attraktiv macht, womit wir bei irgend-jemandem punkten können – nein, da ist mehr, und zwar genau das, was vordergründig als etwas erscheint, was weniger ist: wir können uns alle un-sere Macken und Fehler, unsere Schwächen und unsere ungelösten Probleme eingestehen. Und wir stehen damit nicht im Abseits. Und wenn es vielleicht auch nicht viele andere Menschen um uns herum gibt, die das alles, was und wie wir sind, mittragen und mitmachen – sind ja auch nur Menschen - : Es gibt zumindest einen, an den wir uns nachdenklich glaubend wenden können. Und wo wir uns überlegen können, ob es auch für uns stimmt, dass wir von ihm und seinem Gott geduldig freundlich angeblickt werden, nachsichtig und gütig, ja sogar liebend. Ich meine den Einen, der einer der ganz großen, wenn nicht der einzig wahre Mensch und Menschenversteher war: Jesus - im Team mit seinem gütigen Gott.
Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erqui-cken. Wörtlich heißt es: Ich will euch zur Ruhe bringen, Ruhe verschaffen.
Ja, dafür zahlen viele Menschen heute viel, zum Teil zahlt es auch die Kran-kenversicherung: eine Therapie, eine Mediation, einen Quigong-Kurs und was es alles an auch esoterischen Angeboten für gestresste Seelen aller Art gibt. Das sog. Päckchen, das jeder mit sich trägt, die belastenden Erlebnisse und Erinnerungen, all das will wahrgenommen, verstanden, aufgelöst werden, damit die belastete Seele wieder aufatmen kann, dass neues oder altes, nach wie vor Aufwühlendes bearbeitet werden und der Mensch zur Ruhe kommen kann. Weil es mit anderem Blick, freundlich geduldig und nachsichtig angese-hen wird. Dieser Blick muss immer neu gelernt werden. Der gütige Blick auf Wunden, die nie ganz geheilt sind, auf Narben, die immer noch schmerzen. Liebe Gemeinde: Der Blick Jesu auf den Menschen bietet das alles schon seit 2000 Jahren. Können auch wir Heutigen ihm glauben und seinem Gott?
 
Nun, ein solcher Glaube hat auch seine ethisch-lebenspraktischen Konse-quenzen. Wer das, was Jesus meint, erlebt und nachvollziehen kann, sich auf welchen Wegen auch immer angeeignet hat, der geht auch etwas anders mit den Menschen in seinem Umfeld um. 
Ein Beispiel: Da sieht ein Schüler in einem aggressiven Mitschüler, der ihn drangsaliert, auf einmal nicht mehr nur den Gegner, sondern macht sich Ge-danken über dessen Motive. „Der hat doch Probleme.“ Und wenn du deswe-gen in der aktuellen Auseinandersetzung nachgibst, dann nicht nur aus takti-scher, sondern hoffentlich auch aus christlicher Klugheit, weil du mehr ver-stehst von ihm, vom Leben, vom Glauben im Blick auf Jesus, im Team mit dei-nem und seinem Gott. Mag sein, du stehst offiziell als der Schwächere da, tat-sächlich bist du aber der Stärkere, denn: Gott ist in den Schwachen mächtig. Das hast du kapiert, gratuliere! 
 
Fazit für heute:
So ist es ein Doppeltes, was die heutige Predigtgeschichte uns sagen will: Du, Mensch, bist entlastet in allen deinen Schwächen, mit allen deinen Fehlern, deine Schuld ist dir vergeben. Bei Gott in Jesus bist du, lieber Mensch, mit deinem Leben, voll anerkannt und wertgeschätzt, so wie du nun einmal bist, geworden bist und noch werden wirst. Gehe aber bitte auch so mit deinen Mitmenschen um, so gut du kannst. Erkenne deine und der anderen Defizite, lass dir vergeben und vergib du ihnen. Prinzipielle Nachsichtigkeit im Glauben und Umgang mit sich selbst und mit den anderen ist gefragt. 
Und auf diesen Glauben und diese Lebenseinstellung hin werdet ihr, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, in zwei Wochen auch konfirmiert. 
Das wird auch der Sinn des sog. Beichtgottesdienstes sein, der am Vorabend der Konfirmation stattfindet. Wie es im Vaterunser heißt: Und vergib uns un-sere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Amen.
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