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Liebe Gemeinde,
was wir da eben gesungen haben, das ist schon ein starkes Stück: Auf Christi Himmelfahrt allein ich meine Nachfahrt gründe und allen Zweifel, Angst und Pein hiermit stets überwinde - allen, Zweifel, heisst es. Auch den Zweifel, den man als kritisch denkender Mensch auch als Christ an der Himmelfahrt Christi selbst haben kann? Oder ist Zweifel an Jesu Christi Himmelfahrt einem Christen nicht erlaubt!? Aufgefahren in den Himmel - manche Christen schweigen bei dieser (und nicht nur bei dieser) Passage des Glaubensbekenntnisses. Dass Jesus Christus auferstanden ist von den Toten, den christlichen Osterglauben, den lassen sie sich je nach Interpretation gerade noch eingehen, aber: aufgefahren in den Himmel? Muss denn das auch noch sein?
Da kann man doch seine Fragen haben: Ist denn das wirklich passiert? Was soll man sich denn darunter vorstellen? Kann, und wenn ja, was kann das vielleicht doch auch für mich selber bedeuten?
Liebe Gemeinde,
solche kritischen Zweifel und Fragen sind durchaus legitim, nicht nur draußen, sondern auch innerhalb der gar nicht so engen Kirchenmauern, wie viele meinen. Nein, gerade in der lutherisch protestantischen Kirche, deren Prinzipien Kritik und Neugestaltung sind, wenn man es auch nicht immer merkt - gerade evangelische Christen sind nicht dazu verpflichtet, ihren kritischen Verstand an der Garderobe abzugeben, wenn sie in die Kirche gehen. Kritische Fragen sind vielmehr auch und gerade in Glaubensdingen erlaubt; allerdings sind dann auch möglicherweise neue Antworten gefordert. Und darum bemühe ich mich im Folgenden.
Zur 1.Frage: Muss über den Osterglauben hinaus auch noch an Christi Himmelfahrt geglaubt werden?
Meine Ansicht dazu: Ja und Nein.
Ja, wenn man sich die österlichen und nachösterlichen Erscheinungen und Begegnungsgeschichten mit dem Auferstandenen als Glaubenserlebnisse vorstellt, bei denen für die Urchristen Jesus noch nicht ganz bei Gott war. Dann ist zwar der am Kreuz Gestorbene und Begrabene zwar zunächst auferstanden, aber noch auf Erden seinen Anhängern begegnet. Er hat also noch, wenn auch eher sporadisch, eine geistlich-geistige Existenz hier auf Erden
geführt - im Glaubensbewusstsein der Christen. Doch konnte das nach der Logik dieses Glaubens nur eine Art Zwischenexistenz sein, der die letztgültige göttliche Legitimation eigentlich gefehlt hätte, wenn Jesus Christus nicht schließlich in den Himmel aufgefahren wäre, also ganz bei Gott angekommen, zu ihm aufgehoben und aufgenommen worden wäre. Die Himmelfahrt ist, so gesehen, das Ziel einer Reise. Aus dem Grab, dann einige österliche Zwischenaufenthalte, die schließlich ihre Sinnerfüllung darin finden, dass Jesus in den Himmel auffährt und damit ganz bei Gott ist - mit dem er, sitzend zu seiner Rechten von nun an herrscht als König (das haben wir vorhin gesungen), von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. (So haben wir vorhin gebetet)
Wer also das alles so glaubt, wie ich es gerade nachgezeichnet habe, für den ist es schon rein aus Gründen der Glaubenskonsequenz notwendig, auch an die Himmelfahrt Jesu Christi zu glauben. Sonst würde er nicht glauben, dass Jesus nach Kreuz und Auferstehung ganz zu Gott gekommen wäre.
Ja. So gesehen, muss also über den Osterglauben hinaus auch an die Himmelfahrt Christi geglaubt werden.
Nein! Muss nicht! Auch nach der Bibel nicht. Paulus zum Beispiel, immerhin der älteste schriftliche Zeuge des Ostergeschehens, weiß gar nichts von einem besonderen Ereignis Himmelfahrt Christi. Und bei den Evangelisten sieht es nicht anders aus, bis auf Lukas. Er ist der einzige, der am Ende seines Evangeliums und zu Beginn seiner Apostelgeschichte von der Himmelfahrt Jesu Christi erzählt. Sie haben es vorhin als Lesungen gehört. Der Gekreuzigte erscheint seinen Jüngern als Auferstandener und wird vor ihren Augen in den Himmel, also ganz zu Gott entrückt. Von nun an wir er den Seinen nicht mehr in geisthaft-irdischer-überirdischer Gestalt erscheinen. Nein, die Zeiten sind vorbei. Sein Geist wird ihnen gesendet, gesandt werden - an Pfingsten (dazu demnächst). Sollen wir also Lukas glauben? Wohl schwerlich, liebe Gemeinde! Denn Lukas, Evangelium und Apostelgeschichte: beide sind sich selbst schon nicht ganz eins über die Himmelfahrt Christi: Am Ende des Lukasevangeliums kommt der Auferstandene noch am Ostersonntag in den Himmel, zu Beginn der Apostelgeschichte aber erst vierzig Tage später. Und danach richtet sich ja auch unser Kirchenjahr: 40 Tage nach Ostern, den Ostersonntag als ersten Tag gleich mitgerechnet, feiern wir Christi Himmelfahrt.
Nun, Datum hin, Datum her. Immerhin hat es nach Lukas eine Himmelfahrt Christi gegeben. Und wenn sie bereits an Ostern selbst stattgefunden haben sollte, dann heißt das, abweichend von der gängigen Vorstellung: Jesus war bereits bei seinen österlichen Erscheinungen ganz bei Gott.
Was aber, unabhängig von der Frage "wann?" ist wirklich passiert? Es dürfte-mit dem bisher Gesagten klar sein, dass die Himmelfahrt Jesu Christi kein in unserem Sinne historisches Faktum ist. Und insofern ist sie objektiv nicht passiert. Objektiv nicht? Was heißt schon objektiv? Auch subjektive Erlebnisse lassen sich in gewisser Weise verobjektivieren, zumindest lassen sie sich anderen Subjekten mitteilen, werden also überindividuell auszudrücken versucht und haben damit zumindest die Chance, auch von anderen Menschen nachvollzogen zu werden. Was mir etwas sagt, obwohl es eigentlich ein ganz persönliches Ereignis war, kann, in verständliche Bilder oder Worte gefasst, auch dir etwas sagen.
Es sagt auch dir etwas, wenn du die Worte und Bilder, die ich für meine Erlebnisse und Empfindungen, auch für meine religiösen Gefühle finde - wenn du sie entziffern, dechiffrieren oder deuten kannst. Denn dann stößt du zum Kern dessen vor, was ich sagen will oder in Bildern ausmale, dann verstehst du für dich, was ich meine.
Dieses Grundgesetz der menschlichen Kommunikation gilt auch für die Vorstellung, für das worthaft-bildhafte Verständnis von der Himmelfahrt, von der allein Lukas erzählt.
Dass Jesus Christus in den Himmel entrückt wurde, ist für ihn klar. Können auch wir heute mit dieser Glaubensvorstellung noch etwas anfangen? Ich denke schon!
Wir müssen uns nur die Mühe machen, diese Vorstellung entsprechend zu interpretieren, und zwar inhaltlich, damit wir sie verstehen können und uns klar wird, was die Vorstellung von der Himmelfahrt Jesu für die Damaligen konkret-inhaltlich bedeutet hat oder haben könnte. Das ist der eine Schritt, den wir gehen müssen. Und damit zur dritten Frage: Was soll man sich denn unter der Himmelfahrt Christi vorstellen?
Dass die Damaligen zu dem Glauben, zu der Überzeugung gelangt sind, dass der so viel Geschmähte, Geleugnete und von Menschenhilfe Verlassene, der am Kreuz Gestorbene an seinem Ende nicht im Tod gelassen wurde, sondern bei Gott anerkannt und wohl aufgehoben war - das war bereits mit dem Osterglauben klargeworden. Was er, ihr
Meister und Freund, ihnen von Gottes Geboten und Barmherzigkeit erzählt und vorgelebt hatte bis in den Tod, das war nicht endgültig vorbei gewesen, sondern hatte für sie eine seinen Tod überdauernde und überwindende lebendige Bedeutung gewonnen. Wie er selbst einst im Umgang mit ihnen und mit den vielen Menschen, denen er offen begegnet war, so konnten nun auch sie an den grenzenlos barmherzigen Gott mit Wort und Tat glauben. An den Gott, der jedem Menschen, auch dem noch so sehr Verachteten und Ausgegrenzten, seine geschöpfliche Würde immer schon gelassen hat bzw. sie ihm immer wieder neu gibt; an den Gott, der sich um die Probleme seiner Menschenkinder kümmert und sie nicht verlässt, nie. Keiner ist ihm zu hässlich, keiner ist ihm zu klein, keiner ist ihm zu alt, keiner ist ihm zu schäbig. Jeder einzelne hat mit seinen ganzen Besonderheiten und Absonderlichkeiten, mit allem, was uns Menschen passt und mit dem, was uns nicht passt, jeder hat so, wie er ist, seinen vollen Wert bei Gott - solange er hier lebt auf Erden, und danach.
Wie sein Sohn Jesus, der mit seinem Schicksal exemplarisch für die Verachtetsten und Geringsten unter den Menschen zu stehen gekommen ist. Alle haben wie er ein vollgültiges Leben vor und bei Gott. Dass das wahr ist, das hat sich in der Himmelfahrtsvorstellung Ausdruck verschafft. Jesus ist mit seinem Lebensverständnis von Gott voll bestätigt und endgültig aufgenommen worden. Das ist der eine Gesichtspunkt, unter dem wir Heutige die Bedeutung der Himmelfahrt Christi für die Damaligen verstehen können.
Ein anderer Aspekt ist ein eher psychologischer. Und er rührt schließlich an die vierte und letzte der eingangs genannten Fragen: Welche lebensmässige Bedeutung kann denn die Vorstellung von der Himmelfahrt Christi für uns heute haben? Versuchen wir einmal, uns in die Situation der Jünger Jesu von damals hineinzuversetzen. Der, mit dem sie aufs Engste verbunden waren, ist gegen ihre eigenen Erwartungen und relativ plötzlich gestorben. Für ihn hatten sie ihr bisheriges Leben aufgegeben, ihm waren sie nachgerade bedingungslos angehangen und nachgefolgt. Wohin er ging, gingen auch sie. Und nun waren sie in kürzester Zeit ihres Lebensmittelpunktes beraubt. Kein Wunder, kein, Wunder, dass ihnen ihr Herr noch einige Zeit nachging, dass sie ihn noch einige Zeit reden hörten, dass es ihnen noch und immer wieder neu so war, als sei er noch oder wieder da. Ja, sie sahen ihn sogar!
Bei sich - allein oder in der Gruppe, hinter verschlossenen Türen oder auf dem Weg nach Emmaus, und wohl zuallererst in ihrem Alltag, den sie zu Hause am See Genezareth ohne ihn nur schwer ertragen konnten. Er, sein Leben und Sterben, er verließ sie nicht, und auch sie konnten von ihm nicht lassen. Im Gegenteil: Sein Wort und seine Geschichte, seine Leben für sie gewann eigentlich- jetzt erst so richtig und z.T. ganz neu lebendige Bedeutung. Und darüber, dass sie sich nach seinem Tod neu mit seinem Leben anfreundeten und erkannten, dass er mit und an seinem Leben schließlich hatte sterben müssen, über dieser Erfahrung konnten sie dann doch auf einmal loslassen. Ihr lieber Herr, er war entlassen - in den Himmel, zu Gott. Er musste ihnen auf einmal nicht mehr erscheinen, er musste ihnen nicht mehr nachgehen, sie wussten auf einmal intuitiv, siespürten, dass er bei Gott war. Wohl aufgehoben bei ihm, und doch auf ganz neue lebendige Art bei ihnen, so, dass sie selbständig und auf ihre Art, gleichwohl in seinem Geiste ihr Leben neu in Angriff nehmen konnten. Wann das genau war, liebe Gemeinde, wir wissen es nicht.
Ob gleich nach drei Tagen, am Ostersonntagabend, oder erst einige Zeitspäter, von 40 Tagen ist bis heute die Rede. Vier bis sechs Wochen etwa dauert es auch heute noch im allgemeinen, bis wir Menschen beginnen von einem Verstorbenen loszulassen: von einem lieben, vertrauten Menschen, dem wir lange angehangen sind: den wir geliebt haben, mit dem wir unser Leben gestaltet haben, und sei es nur, dass wir ein längeres Stück Wegs mit ihm gemeinsam gegangen sind.
Vier bis sechs Wochen, bei einigen weniger, bei anderen mehr.
Wie bereits gesagt: auf das Datum kommt es nicht so an.
Dass der Gestorbene bei Gott ist, darauf kommt es an. Und zwar so, wie er war, nicht wie wie ihn haben wollten oder noch im Nachhinein gerne gehabt hätten. Dass er mit seinen liebenswürdigen und nachvollziehbaren Zügen, aber auch mit seinen uns unverständlich gebliebenen Seiten, dass dieser Mensch so, wie er war, bei Gott in einem eigenen, ganz anderen Leben ist; dass wir so, in dieser Gewissheit sein Leben und seinen Tod akzeptieren und aus dieser Gewissheit auch selbst wieder neuen Mut und Kraft zu unserem eigenen Leben gewinnen; bis dass wir selbst dereinst mit ihm schweben dort im andern Leben - zu diesem Glauben will uns der altchristliche Himmelfahrtsglaube dienen und ermutigen.
Die Himmelfahrt Christi als der exemplarische Fall gelungener Trauer. Jeder menschlicher Trauer, die am Toten nicht mehr zwanghaft festhält, sondern in die unverkrampfte, lebendige Gewissheit übergegangen ist, dass der Gestorbene bei Gott im ewigen Leben weilt. Wie er, Jesus Christus, und mit ihm, unserm Herrn. Amen.
Jesus lebt, mit ihm auch ich!
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