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Legende
Ein Jahrmarktjongleur, wie man heute viele sieht. Bunt und schillernd. Von ihm erzählt eine französische Legende, dass er jeden Sommer seine Kunststücke gezeigt hat. In den Dörfern und Städten. Landauf und landab. Ein fahrender Künstler, immer unterwegs mit seinen Messern und seinen Bällen und seinen Tricks. An der Loire und an der Marne soll er wohlbekannt gewesen sein.
Reich wird er nicht bei seiner brotlosen Kunst. Er lebt von der Hand in den Mund. Besonders hart ist es im Winter. Da schaut die Not zum Fenster herein. Und so bricht er an einem Januartag, als die Entbehrung am größten ist, ohnmächtig zusammen und bleibt am Straßenrand liegen, bis ein Mönch ihn findet. Der nimmt ihn mit in sein Kloster. Da kann er bleiben.
Im Kloster geht es ihm gut. Er wird liebevoll aufgenommen. Er hat ein Dach überm Kopf. Und er wird gesund gepflegt. Und so ist er im Frühling stark genug, sich erneut auf die Wanderschaft zu machen. Der Tag des Abschieds. Er will sich bedanken. Bedanken bei den Mönchen und bei dem Gott, den sie verehrten. Aber wie?
Und so geschieht es, zu der Zeit, als die Mönche im Refektorium sitzen, dass sich der Gaukler in die Kirche stiehlt. Eine Kerze stellt er auf den Altar. Und dann beginnt er im Kerzenschein sein Repertoire durchzuspielen. Seine Kunststücke und seinen Tricks. Ganz allein. Versunken in sein Spiel.
Das geht nicht lange gut. Er wird entdeckt. Zufällig kommt einer der Mönche vorbei. Sieht den Gaukler. Ist entsetzt. Rennt zum Abt: Wie kann dieses verkommene Subjekt nur die Kirche entweihen mit seinen Jahrmarkt-Gaukeleien! Dankt er so die Freundschaft des Klosters? Auch der Abt ist sprachlos vor Zorn, erzählt diese Legende aus Frankreich.
Aber in diesem Moment geschieht das Wunder. Als der Abt vorstürzen will, dem Frevler zu fluchen, da sieht er, wie Christus von seinem Sockel herabsteigt und den Gaukler lächelnd segnet. Alle Gebete und Lobgesänge der Mönche mit all ihren reglementierten Gottesdiensten hatten ein solches Wunder nicht bewirken können.
Ich weiß, nur eine Legende. Von der rührenden Unbeholfenheit eines Menschen, der das religiöse Einmaleins nie gelernt hat. Von einem Menschen, der im absichtslosen, leichten Spiel einfältig Gott berührt. Und ihn zum Lächeln bringt.
Mit Furcht und Zittern
Und im 1. Korintherbrief schlägt Paulus ganz andere Töne an, wie man Gott nahen soll. Nicht mit Bällen und nicht jonglierend.
„Als ich zu euch kam“, schreibt er, „kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen.
Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen, als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern. Und meine Predigt geschah nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in der Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. (1. Kor. 2,1-5)
Mit Furcht und Zittern also soll man sich Gott nähern – so sagt es Paulus – und das Stichwort ist gefallen, das Soren Kierkegaard zutiefst bewegt hat. Mit Furcht und Zittern. Was ist damit gemeint?
- Die Haltung von Menschen, die mit großer Disziplin und ernstem Eifer ihrem Leben eine religiöse Tiefe zu geben stets bemüht sind? Wie es hinter Klostermauern - und nicht nur dort – geschieht? Stellt Paulus die religiösen Eiferer als Vorbilder hin? Die Ernsthaften. Die dunklen Fanatiker?
- Oder ist die Furcht und das Zittern in der rührenden Unbeholfenheit eines Menschen zu sehen, der das religiöse Einmaleins nie gelernt hat. So wie dieser Jongleur in der Legende. Und der doch zitternd sein ganzes Herz zeigt. Stellt Paulus uns einen Menschen als Ideal vor Augen, der aufmerksam ist, sehr präsent mit seiner Aufmerksamkeit, einen Menschen, der im absichtslosen, leichten Spiel einfältig Gott berührt. Den Menschen, der unbeholfen und spielerisch Gott eine Freude machen will wie einem guten Freund. Und ihn zum Lächeln bringt?
So oder so – mit Furcht und Zittern - damit ist die Haltung der Ehrfurcht beschrieben. In der man sich Gott nähern sollte. Ohne diese Ehrfurcht bleibt alles Religiöse nur Theorie. Oberfläche. Plattheit. Kühle Dogmatik. Naseweise Spekulation. Die Tiefe des Glaubens lässt sich eben nicht lernen. Wenn man´s lernen könnte, würde der jahrelange Religionsunterricht nicht derart abtropfen von der Seele.
Gott lässt sich nicht lernen. Kein Lernprogramm kann ihn erfassen. Ich kann ihn im eigenen Leben nicht festhalten. Er bleibt unverfügbar. Immer wieder zerrinnt mir der Glaube zwischen den Fingern wie Sand.
Mit Furcht und Zittern – damit ist eine Grundhaltung beschrieben. Eine Grundhaltung, bei der man weiß:
- das Wichtigste im Leben habe ich nicht selbst in der Hand. Kann nicht selbst darüber verfügen. Es hat alles seine Zeit. Und auf manches muss ich noch warten. Die Stunde der Heilung ist noch nicht da.
- Mit Furcht und Zittern. Nicht Unterwürfigkeit ist gemeint. Sondern Ehrfurcht und Demut. Ehrfurcht und Demut – davon mag sowohl der Gaukler aus der Legende etwas verstehen. Als auch die Mönche im Kloster.
- Aber auch der Jugendliche, den plötzlich eine einzige Geschichte der Bibel anspringt. Eine einzige, in der er sich wiederfindet.
- Aber auch der Kranke, der die Ohnmacht aushalten lernt.
- Der Techniker, der staunen lernt über unbegreifliche Wunder der Natur.
- Der Naturfreund, der schweigend die Schönheit ringsum in die Seele aufnimmt.
- Der Christ und sogar der Nichtchrist.
Plötzlich kann es geschehen, dass das Heilige die Seele anrührt. Und alle Poren der Seele sich öffnen. Und Gott lächelnd segnet.
Ein Freistellungmerkmal
„Nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit“ rede ich von Gott, von Christus, vom Glauben. – So bekennt es Paulus von sich. Und das hat seinen Grund in Gott selbst. Der Gott an den wir glauben ist nicht das ewige Weltprinzip. Das hinter allem lauernde Göttliche.
Der Gott an den wir glauben - liebt und leidet, erwählt und verwirft, der ist neugierig und kann sich freuen, er straft und er erbarmt sich. Er leidet unter der Missachtung.
So menschlich von Gott zu reden, wie es die ganze Bibel tut – vielen scheint das töricht zu sein. Zu wenig intellektuell. Zu primitiv. Zu dumm. Ein Rückgriff hinter die Prinzipien der Aufklärung. Wenn man so von Gott redet – da liegt auch der Vorwurf der Blasphemie in der Luft. Da ist Gott nicht das Schöne, Wahre und Gute, sondern ein Gott auf der Suche nach dem Herz und der Zuneigung. Der Ihren und der meinen.
Ehrfurcht ist auch Moslems nicht abzusprechen. Ehrfurcht vor dem einen Gott, der alles durchwirkt, und dem man sich durch Unterwerfung einfügt.
Ehrfurcht ist dem Sufi nicht abzusprechen, der sich in Trance tanzt, um sich mit dem einen Gott mystisch zu verbinden.
Dem Buddhisten nicht, der seinen Weg der Läuterung sucht und sich verbunden weiß auf seinem Weg mit allen Wesen und sie toleriert und respektiert.
Ja, auch andere Religionen gehen den Weg der Ehrfurcht. Aber dass Gott liebt und leidet - dass Gott sich auf die Suche macht nach Zuneigung und Menschen hinterher läuft - dass Gott Mensch wird und so die Menschheit berührt, das ist eines der wichtigsten Freistellungmerkmale der Christen in der Familie der Religionen.
Dennoch vom Glauben sprechen
„Mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit.“ Was Paulus da sagt, das ist missverständlich. Es wäre ein Missverständnis, von Gott gar nicht mehr zu reden, den eigenen Glauben ins Wortlose wegzuschieben, wie es unter uns üblich ist. Es ist eher peinlich, vom Glauben zu sprechen. Das Thema wird totgeschwiegen in Familien und unter Freunden und in der Öffentlichkeit meist auch. Über den Glauben redet man nicht. Wies drinnen aussieht, geht niemand was an. Das ist viel zu intim.
Diese Wortlosigkeit mag einmal hilfreich gewesen sein. Wortlosigkeit schützt. Schützt vor Nachfragen. Vor neugierigem Zerreden. Das Heilige lässt sich nur unzureichend in Worte fassen. Auch Maria bewahrte das Wunder in ihrem Herzen. Die Dinge des Glaubens sind Herzensangelegenheiten. Und die gehören nicht auf den Marktplatz und in aller Munde.
Aber für diese Wortlosigkeit zahlen wir einen hohen Preis: Weil dann auch die Worte fehlen,
Trost weiterzugeben,
die Zuversicht zu teilen,
die Hoffnung zu wecken,
das Gute Wort zu finden, das mitten im Zweifel begleitet.
Nur wer Worte findet, kann die Dinge benennen. Was man nicht mehr benennen kann, hört auch auf, zu existieren. Wer vom Glauben nicht reden kann, wird auch selbst seinen Glauben nicht mehr fassen können. Worte für den Glauben sind unbedingt nötig.
Und dabei kann es ganz einfach zugehen. Keine überredenden Worte.
Keine großen Theorien und Weisheiten. Keine christlichen Stargeschichten. Keine wohlformulierten Vorträge sind wir uns schuldig. Es geht um ganz einfache Dinge: Nämlich den Glauben so zu teilen, wie man einen Laib Brot teilt. So werden sich zwei davon nähren können.
Eine eigenartige Weisheit
Und dieses schlichte Reden von Gott, das nennt Paulus nun dennoch eine Weisheit. „Nicht eine Weisheit dieser Welt“, schreibt er, “auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen, sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat. Uns aber ist das Geheimnis Gottes offenbart durch seinen Geist.“(1.Korintherbrief 2,6-7)
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