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Liebe Gemeinde!
Noch ziemlich am Anfang seines Evangeliums entfaltet der Evangelist Matthäus aus überlieferten Jesus-Worten, die er in der sog. Bergpredigt zusammengestellt hat, das Programm, die Botschaft dieses Jesus von Nazareth. Kaum dass Jesus seine Wirksamkeit in Galiläa, am See Genezareth, begonnen hat, seine ersten Jünger um sich geschart hat, die ersten Kranken geheilt hat, erstreckt sich über drei Kapitel die facettenreiche, gewichtige Antrittspredigt, die fortan bis in unsere Gegenwart immer wieder neu Herausforderung war, Gewohntes in Frage zu stellen, die immer wieder neu zum Bedenken nötigte - weil sie in ihrer Radikalität und Zuspitzung keine glatten Antworten zu ihrem Verständnis erlaubt.
Unser heutiger Predigttext ist der Schlussabschnitt dieser Bergpredigt (Mt 7,24-29):
Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.
Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.
Und es begab sich, als Jesus diese Rede vollendet hatte, dass sich das Volk entsetzte über seine Lehre; denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten.
Die Anschaulichkeit und auch Geltung dieses sehr eindrücklichen Gleichnisbildes zeigen uns die Medien mit ihren Berichten von Wirbelstürmen, Überschwemmungen und Erdbeben immer wieder. Da fallen Häuser im Sturm oder im Wasser wie Kartenhäuser, ohne sichtbaren Widerstand gegen die Bedrohung zusammen. Und umgekehrt bewundern wir die Standfestigkeit von Wolkenkratzern, die sich bis über 300 Meter hoch türmen können, bei deren Errichtung erst mal tiefe Löcher gegraben oder gebohrt werden, um dann dem emporwachsenden Gebäude sicheren Halt zu geben. Und mit solchem anschaulichen Kontrast fordert Jesus die ihm Nachfolgenden auf, sich seinen Worten anzuschließen.
An Selbstbewusstsein fehlt es diesem Jesus ja nicht, möchte man da auf den ersten Blick sagen. Wer seinen Worten folgt, ist festgegründet wie ein Haus auf dem Fels, wie ein Turm. Vollmacht nennt es der Evangelist Matthäus und meint damit Überzeugungskraft und Echtheit, die zugleich über ihn selbst hinausweisen und auf den Gott hin, von dem er sich beauftragt weiß, berufen zu seinem Dienst und eingebettet in die vorangegangene Geschichte Gottes mit seinem Volk.
Aber gibt es nicht allzu viele sog. vollmächtige Verkünder, die sich auf Eingebungen von Gott berufen - und sich dann doch als falsche Propheten, als Scharlatane, autoritäre und machtbesessene selbsternannte Führer erweisen? „Ich sage euch…“ verkünden sie wirkungsvoll und behaupten: „nur wenn ihr dem wortwörtlich folgt, wird euer Leben einen guten und sicheren Grund finden!“ Was ist da bei Jesus anders?
Zum einen ist es die Konsequenz, in der er seine Botschaft selbst gelebt hat, bis zum Ende seines Lebens. Er hat gerade nicht Wasser gepredigt und selbst Wein getrunken, sondern hat sich mit seinem eigenen Leben in seine Botschaft hineinbegeben, hat sein Leben dafür preisgegeben. Nicht ohne Grund gehört gerade zu den Anfangsgeschichten von Jesu Wirken die Geschichte von seiner Versuchung. Da bekam er das Angebot, mit der ihm gegebenen Vollmacht die eigene Selbstdarstellung zu pflegen, sich feiern zu lassen, um so dem eigenen Leben Ansehen und Glanz zu verleihen. Jesus hat dem widerstanden.
Das andere ist der Anspruch seiner Botschaft, die in klaren Worten erfolgt - und doch nicht auf einen einfachen Nenner zu bringen ist. Was da zunächst wie unmittelbare Handlungsanweisungen klingt, fordert ja unglaublich viel, stößt die Menschen vor den Kopf, bewirkt Erschrecken, passt ganz und gar nicht in übliche Lebenskonzepte und Zielvorstellungen vom Leben hinein - und verlangt gerade deshalb von den Hörern, für sich selbst auf die eigene Situation hin durchdacht, in die eigene Lebensgeschichte hineinbuchstabiert zu werden. So war die Bergpredigt durch die ganze Christentumsgeschichte hindurch immer wieder neu die Herausforderung, sich über Möglichkeiten der Umsetzung klar zu werden.
Ich möchte das gerne im Blick auf einige Aussagen dieser Bergpredigt genauer ansehen:
Da ist zum einen die Radikalität, in der Jesus die alttestamentlichen Gebote auf die Spitze treibt: „Zu den Alten wurde gesagt“ beginnt er – und dann nimmt der die bekannten Gebote auf: ihr sollt nicht töten, nicht ehebrechen, nicht schwören… und fährt dann fort: Töten ist schon, den Nächsten zu beleidigen, ihm seine Würde abzusprechen, ihn zu kränken. Ehebrechen ist schon, mit dem Flirt-Feuer zu spielen. Vergeltung heißt nicht, den Schadensersatz zu fordern, sondern bereit zu sein, auch weiteres Unrecht in Kauf zu nehmen. Wer soll das leisten können? Es ist so radikal, dass es keine Handlungsanweisung für jeden Alltag sein kann.
Vor vielen Jahren, in meiner ersten Pfarrstelle, hatte ich einen Konfirmanden, dessen Eltern sich streng an das Liebesgebot Jesu zu halten versuchten und so auch ihren Sohn erzogen. Der war groß und stark, aber die anderen hatten schnell heraus, dass er gleichsam an die Leine der Nächstenliebe gebunden war. Er wurde gehänselt und gepeinigt. Bis die Leine einmal riss, er ausrastete, sich heftig wehrte – und dann war es vorbei mit seiner Not. Da stand ich nun da mit Jesu Worten vom Hinhalten der linken Backe, nach dem Schlag auf die rechte. „Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen“, hat der frühere Kanzler Helmut Schmidt einmal gesagt. Was lässt sich zu solchem Satz wohl sagen? Ist er die Verabschiedung einer christlichen Ethik aus dem gesellschaftlichen Leben?
Jesu Radikalität ist m.E. keine Weisung, die es Eins-zu-Eins umzusetzen gilt, sondern wie ein Stachel, der immer wieder neu zum Nachdenken darüber auffordert, was denn verantwortbare Schritte in diese Richtung sein können. Vor kurzem war von der jungen Iranerin zu lesen, die durch ein Säureattentat entstellt wurde und erblindete, der zur Vergeltung die Blendung des Täters zugesprochen wurde, und die auf diese Genugtuung verzichtete. Diese eigene Entscheidung war innere Größe im Sinne der Bergpredigt. Es muss ja nicht immer so dramatisch sein, sondern betrifft auch die kleinen Sachen des Alltags, etwa im Umgang mit Lüge und Wahrheit und manchem anderen. Ich habe z.B. großen Respekt vor Unternehmern, die ganz bewusst den menschenwürdigen Umgang miteinander, das Respektieren der Lebensbedürfnisse aller Beteiligten neben die geforderten Leistungsoptimierungen stellen und sich diesem Spannungsfeld aussetzen. So etwas kann nicht verordnet werden, aber der radikale Impuls Jesu fordert auf, uns selbst zu prüfen, wo wir stehen, wohin wir uns bewegen und wohin wir uns im Sinne Jesu bewegen könnten. Denn dieser Impuls weist nicht pauschal an, sondern ruft jeden einzelnen auf, seinen je eigenen Weg in die von Jesus gewiesene Richtung zu gehen.
Zum anderen fällt mir auch die Radikalität auf, in der Jesus seine vertrauensvolle Beziehung zu Gott als seinem Vater lebte. „Bittet, so wird euch gegeben!“ sagt er. „Klopft an, so wird euch aufgetan!“ Wo bleibt da die Diskussion um die unerfüllt gebliebenen Gebete, um die Erfahrungen, dass Gott nicht geholfen hat? Das Reden von Gott in den Gesprächen des Religions- und Konfirmandenunterrichts, in den Gesprächen der Erwachsenen ist mit Recht immer wieder bestimmt von der einen großen Frage, ob und wie denn angesichts des Leids so vieler Menschen weltweit, angesichts der Kriege und Zerstörungen, der Naturkatastrophen und der das Elend noch steigernden Verknüpfung dieser Schrecken überhaupt noch von einem gütigen Gott gesprochen werden kann. Wenn wir Gott für das Gute danken, das wir erfahren haben, was ist dann mit dem Bösen, das andere getroffen hat? Jesu radikales Vertrauen auf Gott ist nicht Eins-zu-Eins umsetzbar angesichts der Aufgabe, für das Leben auch Vorsorge zu treffen und nicht bloß darauf zu warten, dass Wunder geschehen. Aber es ist ein Wegweiser, sich solchem Vertrauen zu öffnen, es hineinzunehmen in den eigenen Alltag - gerade dort, wo wir an die Grenzen unserer Möglichkeiten stoßen – und auch hier die Spannungen auszuhalten.
Auch hier ist jeder einzelne gefordert, selbst den je eigenen Weg des Vertrauens durch die Windungen der Zweifel und durchlittenen Enttäuschungen hindurch zu gehen und vorauszublicken mit den kräftigen, radikalen Zusagen, die Jesus uns mitgegeben hat.
Und noch in einem Dritten unterscheidet sich Jesu Vollmacht von den vielen anderen, die sie seither für sich beansprucht haben. „Ihr seid das Licht der Welt, das Salz der Erde“, sagt er. Mit solchen ausdrucksstarken Bildern kommt vollends zum Ausdruck, worum es Jesus geht: gerade nicht, andere klein zu machen und klein zu halten, die Distanz zwischen oben und unten zu pflegen, das Ansehen ganz auf sich zu ziehen. Sondern Jesus gibt denen, die ihm folgen, das Selbstbewusstsein und die Vollmacht weiter, die sein eigenes Wirken bestimmt haben. „Lasst euer Licht leuchten“, das heißt auch: traut euch zu, eigenständig mit eigenen Entscheidungen auf dem von mir eingeschlagenen Weg zu gehen. Lebt in dem Bewusstsein, wirklich Salz der Erde zu sein, auch mit kleinen Taten die Welt wirklich verändern zu können. Da schwingt in diesen Bildern schon mit, dass sich die nachösterliche Gemeinschaft der Christen als den Leib Christi versteht, in dem das Wirken Jesu in Wort und Tat lebendig bleibt und weitergeführt wird – mit dem Ringen darum, was es denn in der jeweiligen Situation bedeuten kann und soll, „Leib Christi“ zu sein.
In der Christentumsgeschichte gab es unterschiedliche Wege, Jesu Worte der Bergpredigt zu leben. Da gab es solche, die Jesus in seinem Radikalismus als Wanderprediger ohne Haus und sichere Versorgung nachfolgten; andere, die versuchten, in häuslichen Gemeinschaften diese Haltung zu praktizieren – die Apostelgeschichte erzählt auch von solchen Versuchen. Dann kam es auch zu einer Zweiteilung, indem in den Klöstern diese frühe Form der Gemeinschaft weitergepflegt wurde, während in den profanen Lebensbezügen Abstriche von den radikalen Verpflichtungen gemacht wurden. Martin Luther hat dann den Alltag der Welt wieder zum Wirkungsfeld des christlichen Glaubens bestimmt, damit auch wieder das Spannungsfeld der Fragen eröffnet, wie die Wegweiser der Bergpredigt auch in den gegebenen gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen zum Wirken kommen könnten. Er hat auch sich selbst in dem Feld mühsamer und umsichtiger Einzelentscheidungen bewegt und in diesem Sinne für das öffentliche Leben Verantwortliche beraten, von den Fürsten bis zu den Bürgermeistern. Das hat ihm auch mancherlei Kritik eingebracht, den Ansprüchen der Bergpredigt nicht gerecht geworden zu sein, hat ihn auch dazu genötigt, mit dieser Kritik zu leben - und dennoch glaubwürdiger Ausleger der Botschaft Jesu zu bleiben.
Die Bergpredigt ist anspruchsvoll – anspruchsvoll auch auf den zweiten Blick, nämlich eigenverantwortlich mit Jesu Weisungen umzugehen. Sie folgt nicht dem Autoritätsmuster von oben und unten, von Befehl und Gehorsam, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Sondern sie ist anspruchsvoll, in dem sie zum eigenständigen Mit- und Weiterdenken auffordert, in der Verantwortung für das eigenen Leben und das Zusammenleben in den verschiedenen Strukturen menschlicher Gemeinschaft – samt den Grenzen, in denen wir leben.
Und gerade das zum eigenständigen Christsein Herausfordernde soll zum tragfähigen Fundament eines Glaubens werden, mit dem sich das Leben gestalten lässt. Ein Fundament, in dem die Spannungspole gut verankert sind - in dem Herausfordernden wie in dem Ermutigenden in Jesu Worten. Mit ihnen sind unsere Lebenshäuser gut auf Fels gebaut sind, um den Stürmen der uns abverlangten Entscheidungen, der Zweifel und offenen Fragen standhalten zu können.
Amen
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