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Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Berg am Starnberger See

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Predigttext Pfarrer Prof. Harz

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Lukas 18,9-14

9 Er legte dann auch einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und auf die anderen mit Geringschätzung herabsahen, folgendes Gleichnis vor: 10 »Zwei Männer gingen in den Tempel hinauf, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer trat hin und betete bei sich (oder: mit Bezug auf sich) so: ›O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die anderen Menschen, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie der Zöllner dort. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich erwerbe.‹ 13 Der Zöllner dagegen stand von ferne und mochte nicht einmal die Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und sagte: ›Gott, sei mir Sünder gnädig!‹ 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt in sein Haus hinab, ganz anders, als es bei jenem der Fall war! Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer sich aber selbst ernied-rigt, wird erhöht werden.

 

Liebe Gemeinde!


Mit diesem Gleichnis Jesu verbinden sich bei mir Erinnerungen an Kindergottesdienst bzw. Religionsunterricht, in denen diese Geschichte erzählt wurde. Und ich weiß auch noch, wo die Sympathien lagen: natürlich da, wohin sie Jesus legte, bei dem Zöllner. Demütig und bescheiden steht er da, reumütig mit hängendem Kopf, durch und durch schuldbewusst, und er kann immer wieder nur sagen: „Ich armer sündiger Mensch…. Herr erbarme dich meiner!“ Das passt ja auch gut zu der theologisch oft geforderten Grundhaltung, sich stets der eigenen Sündhaftigkeit bewusst zu sein, Buße und Reue zu zeigen, sich ganz und gar auf Gottes Er-barmen zu verlassen, im Wissen darum, dass wir aus uns selbst heraus unfähig sind, das Gute und Gottwohlgefällige zu tun. „So bedenken wir unsere Unwürdigkeit, Sünde und Schuld und beten mit den Worten des Zöllners: Gott sei uns Sündern gnädig“ – das waren und sind die klassischen Formulierungen zum Gottesdienstbeginn, um dann mit der zugesprochenen Vergebung wieder aufatmen und fröhlich das „Ehre sei Gott in der Höhe“ singen zu können. Manch einer sieht das mit anderen Augen und fragt: Warum wird man eigentlich im Gottesdienst erst nieder und klein gemacht, als Sünder abgestempelt, auf seine Defizite gestoßen, um dann in der gebotenen Demutshaltung dem weiteren Verlauf des Gottesdienstes zu folgen?

In der Umkehrung davon kam der Pharisäer schlecht weg: Stolz und prahlend steht er da im Tempel, hochnäsig, vielleicht auch scheinheilig mit einer Demutsgloriole, die nur mühsam das Eigenlob kaschiert: „Gott, ich danke dir, dass du mich durch deine Kraft zu dem edlen Menschen hast werden lassen, der ich bin“. Ich denke, dieses Gleichnis hat auch das negative Bild der Pharisäer als der Gegner und Feinde Jesu erheblich mitgeprägt, wie es in der religiö-sen Unterweisung lange Zeit gang und gäbe war: die bösen Pharisäer, stolz und starr, rechtha-berisch, ja zuweilen auch unehrlich, was die Differenz zwischen dem geforderten Verhalten und der eigenen Praxis betrifft. Pharisäer sein heißt dann auch: Wasser predigen und selbst Wein trinken. Doppelbödige Moral nennt man so etwas auch. Diese Pharisäer hatten nur eins im Sinn: Jesus mundtot zu machen, auf welche Weise auch immer.

Theologisch-exegetische Forschungsarbeit hat dieses Bild heftig verändert: Tatsächlich stand die Gruppe der Pharisäer Jesus am nächsten. Mit ihnen führte Jesus endlose Diskussionen, hitzige Streitgespräche. Sie luden ihn ein und debattierten mit ihm auf einer breiten Basis ge-meinsamer Überzeugungen. Die Streitgespräche waren das Zeichen dafür, wie sehr sie die Auseinandersetzung mit Jesus suchten, sich an seiner theologischen Überzeugung rieben, die zweifellos an entscheidenden Punkten heftige Kontroversen auslösten.

Anzuerkennen ist, dass die Pharisäer ernsthaft und ohne doppelte Moral einem ethisch hochstehenden Lebenswandel verpflichtet waren, vor dem man nur Hochachtung haben kann: kon-sequentes Spenden für die Armen und Bedürftigen im Übermaß, Sinn für Gerechtigkeit und eine brennende Hoffnung auf die Zeit, in der der erwartete Messias kommen, das Joch der Römerherrschaft abschütteln und das Reich des Friedens und der Gerechtigkeit endgültig aufrichten wird. Für solche Ziele lebten sie, mit offenem Herzen für Mitmenschen in Not und intensiver Hinwendung zu Gott. Wie gesagt: das verdient uneingeschränkten Respekt.

Und nun führen wir diese andere Sichtweise weiter mit dem Blick auf den Zöllner: Der hat sich aus der die verschiedenen Strömungen des Judentums verbindenden Erwartung des bald kommenden Messias ausgeklinkt. Er paktiert mit den Römern, also mit denen, die Gott hof-fentlich bald aus Palästina vertreiben wird. Er hat in der Manier der römischen Großgrundbe-sitzer, die Ländereien pachteten, um aus ihnen möglichst viel Profit herauszuschlagen, eine Zollstation gepachtet und tut das, was als unsozial, unsolidarisch, menschenverachtend gelten muss: aus den eigenen Landsleuten über die Zollgebühren heraus zu pressen, was irgendwie möglich ist. Damit gehört er zur Kategorie der skrupellosen Reichen, auf die sich mit Recht die Wut der Ausgebeuteten richtet. Was sich die Pharisäer vom Mund absparten, landete so letztlich in den prallen Geldtaschen der Zöllner. Zu dieser ökonomischen Sicht kommen noch die theologischen: Nach Sicht der Pharisäer kommt der Messias, wenn an einem Tag alle Ju-den im Land alle Gebote halten. So gesehen war das Verhalten der Zöllner geradezu ein fre-ches, kaltschnäuziges Reich-Gottes-Verhinderungsprogramm. Soziales Engagement und reli-giöses Hoffen der rechtgläubigen Juden hatte damit nur noch Sinn, wenn die Zöllner aus der jüdischen Zugehörigkeit ausgeschlossen wurden, wenn sie den Gegnern des Reiches Gottes zugezählt wurden. Das schaffte klare Verhältnisse, das machte die Fronten überschaubar.

Und genau da setzt Jesus mit seinem provozierenden Gleichnis an: Wir sehen den Pharisäer beim Gebet im Tempel, indem er seiner brennenden Erwartung des Reiches Gottes Ausdruck gibt: Gott, ich von mir aus habe alles getan, was für das Erscheinen des Messias nötig ist. Zum x-ten Mal habe ich pingelig genau alle Gebote und mit ihnen verbundenen Regelungen eingehalten. Sieh doch bitte bei deinem geschichtlichen Heilsplan auf mich und meinesglei-chen, nimm an unserem Verhalten Maß und nicht an dem der penetranten Gottlosen, die all das hintergehen, was wir mit so viel Mühe bewegen und herbeisehnen. Wende deinen Blick von ihnen ab. Und dann wendet Jesus seinen Blick zu der anderen Person hin, die an diesem Ort eigentlich gar nichts mehr verloren hat, die eigentlich mit Recht der Bannstrahl der Ver-achtung und des Ausschlusses treffen müsste.

Er sagt nicht, dass es schon recht war, was der Zöllner getan hat, und dass er ruhig so weitermachen soll, sondern dass der mit dem Eingeständnis seines Fehlers wieder dazugehören darf zur großen Gemeinschaft des Gottesvolks. Wahrscheinlich hätte der Pharisäer in seinem Ärger auf den Zöllner, in seiner Ablehnung dieser ganzen Berufsgruppe diesem Menschen gar nicht zugetraut, dass er so in sich geht, so betet: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Vielleicht hätte der auch da nur ein geschicktes Agieren, einen klugen Schachzug vermutet, um sich irgendeinen Vorteil zu verschaffen. Er wusste doch genau, was typisch für Zöllner war. Das entsprach ja auch all seiner Erfahrung.

Im Zusammenhang mit dem von Jesus geforderten genauen und vorurteilsfreien Hinschauen setzt auch der Evangelist Lukas seinen Akzent: Er zeichnet das Bild des Jesus besonders deut-lich, der dem Verlorenen nachgeht, es sucht und findet. Das ist viel mühsamer als der Umgang mit pauschalen Urteilen, so gerechtfertigt sie im Durchschnitt bzw. der Mehrheit der Erfahrungen auch sein mögen. In den frühen Gemeinden kam es ja auch immer wieder vor, dass Gemeindeglieder aufgrund ihres negativen Verhaltens aus der Gemeinde ausgeschlossen wurden. Wer spricht da das letzte Urteil, fragt Lukas. Und umgekehrt waren frühe Gemeinden auch ein Beispiel dafür, wie hier vorurteilsarmes Ansehen der Menschen praktiziert wurde, wie entlaufene Sklaven genauso ihren Platz fanden wie vermögende Villenbesitzer. Aber vielleicht war es gerade da auch besonders wichtig, mit dem Blick Jesu besonders sorgfältig darauf zu achten, dass über wahrgenommenem Fehlverhalten und Aussichtslosigkeit der Besserung nicht die Macht der Vorurteile einriss, die Denkweise, die zu oft von Einzelerfahrungen zu Pauschalurteilen führt.

Je verschiedenartiger die Menschen sind, desto wichtiger ist solcher Blick auch in unserer Zeit. Da weisen z.B. Schulpsychologen nach, dass Kinder, die von den Lehrern in die Kategorie der unverbesserlichen Störer eingeordnet wurden, dann immer wieder für Störungen verantwortlich gemacht wurden, die sie gar nicht begangen haben. Vorurteile können so die ei-gentlich für objektiv gehaltene eigene Wahrnehmung beeinflussen. Im geschichtlichen Bereich gibt es doch immer wieder Beispiele dafür, wie bestimmte Personengruppen in die Schusslinie der Vorurteile gerieten und sich gegen die verzerrte Wahrnehmung der anderen kaum wehren konnten.
Zwanzig Jahre ist es seit der politischen Wende her. Als damals ehemals staatliche Kindergärten von der evangelischen Kirche übernommen wurden und Religionsunterricht eingeführt wurde, pädagogisches Personal in den kirchlichen Dienst eintrat, da hieß es oft: das sind doch alles nur Wendehälse, denen geht es doch nur um einen sicheren Job. Die haben doch mit der evangelischen Kirche oder gar mit dem christlichen Glauben gar nichts im Sinn! Natürlich hat das oft gestimmt, aber es gab auch viele Gegenbeispiele, wo Menschen sich wirklich aufge-schlossen und neugierig interessiert auf das für sie noch so fremde Feld von Religion, Chris-tentum und Kirche einließen.

Jede Zeit hat ihre Vorurteile, oft genährt durch bloße Unterstellungen und obskure Verschwörungstheorien, oft belegt durch echte Erfahrungen, die aber dann im Eifer der Suche nach Ursachen zu schnell verallgemeinert werden. Sind dann diejenigen im Blick, die sich anders verhalten und das tun, was man ihnen gar nicht zugestehen möchte?

In unserem Gleichnis betet der Zöllner: Gott, sei mir Sünder gnädig. Und damit macht er sich an der Instanz fest, die über allen menschlichen Urteilen steht, an Gott selbst. Das ist der Anker, das Vertrauen auf den unverstellten Blick, der nicht endgültig festlegt, sondern Freiheit gibt für Entwicklungen und Veränderungen. In diesem Sinne verpflichtet der Glaube an diesen Gott auch, bereit zu sein, Zusammenhänge und Menschen immer wieder unverstellt mit neuen Augen anzuschauen, so wie es Jesus in seinen Worten, vor allem in seinen Gleichnissen gezeigt und in seinem Wirken vorgelebt hat.
Amen.

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