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Liebe Gemeinde,
die Geburt eines Gottessohnes ist eine Bewegung von oben nach unten, von Gott zu uns. Solch eine Bewegung setzt voraus, dass Gott außerhalb unserer Welt lebt. Seit Kindertagen hat mich diese große Bewegung tief berührt: Gott kommt in diese Welt „vom Himmel“, also von weit, her. Darum habe ich immer mit Leidenschaft gerade Luthers Advents- und Weihnachtslieder gesungen, die dieses Vom-Himmel-hoch-herab-Kommen erzählen. Weihnachten fühlte ich: Wir sind nicht allein. Das war für ein Kriegs- und Flüchtlingskind wie mich von einer Bedeutung, deren Tiefe mir erst später im Leben richtig klar geworden ist. Kein Fest bedeutet mir so viel.
Aber Gott war nicht schon immer so weit weg von uns Menschen. Die Erzählung vom Paradies weiß noch, dass Gott am Anfang mit Menschen und Tieren zusammen auf der Erde gelebt hat. Natürlich sind das mythische Erzählungen. Aber sie wissen das Wichtigste: dass Gott und seine Geschöpfe vom Anfang der Schöpfung an in einer unglaublichen Weise mit einander verbunden sind. Und zwar durch den „Lebensodem“, wie Luther übersetzt hat. „Lebensodem“ ist die Lebensenergie, die Summe der Lebensgeister, die Gott seinem ersten Geschöpf und seit dem allen anderen Geschöpfen wie uns eingehaucht hat und kommenden Generationen einhauchen wird. Alles Leben ist Gottes Leben. Ja, Gott ist das Leben. Und das gilt unabhängig von den Gestalten, die dieses Leben dann annimmt. Schöpfung ist Selbstentfaltung Gottes.
Doch irgendwann haben sich – jedenfalls in der Wahrnehmung der Theologen - die Wege Gottes und die Wege der Menschen getrennt. Das sagt nicht nur die Bibel. Gott habe sich von den Menschen entfernt, heißt es da, weil der Ungehorsam sich bei ihnen ausbreitete, und ist in den sündlosen Himmel aufgestiegen. Denn da seien Licht und Harmonie zuhause, und vor allem Unsterblichkeit. Hier aber ist das Leben sterblich, wird mit Schmerzen geboren und viel gelitten - aber auch viel geliebt, und in dieser Liebe wird Geborgenheit gefunden.
Der Aufstieg Gottes in die Außerweltlichkeit hinein hat die Empfindungen der Menschen Gott gegenüber tief verändert. Denn sie fühlten sich in diesem Leben allein gelassen und erlebten die Götter als eher kalt und gefühllos. Die Griechen haben das oft beklagt. Bei Juden und uns Christen kam als seelische Last hinzu, dass alles Scheitern im Leben als Ausdruck des Bösen bewertet wurde und das Leben mehr und mehr von den angedrohten Strafen für sündigen Ungehorsam verunstaltet wurde. Das Wort Hölle ist dafür sprichwörtlich geworden. Aber selbst die Liebe der Geschöpfe zueinander wurde gering geschätzt, der Sünde zugeordnet und selbst zur Sünde erklärt.
Gott war nach oben gegangen, den Menschen blieb als Lebensraum das Unten. Und je länger diese Entfernung von Gott und Menschen andauerte und je kontrastreicher sie ausgemalt wurde, desto dunkler wurden die Farben für die Erde. Die Theologie zögerte nicht, die ganze Erde der Herrschaft der Sünde unterzuordnen. Von Kindesbeinen an lernen wir bis heute durch die Geschichte von der Sintflut, dass Gott seine gute, ja, sehr gute Schöpfung wegen der Sünde sogar mutwillig vernichtet habe, und zwar samt allen Tieren, die doch keine heilige Schrift lesen oder hören konnten. Das ist für die Seele eine beängstigende Botschaft, gegen die kein Regenbogen ankommt.
Kein Wunder, dass die sogenannten höheren Religionen nur ein Thema kannten: den Menschen einen Zugang zu Gottes Himmel zu eröffnen, also Gott auf dem Weg nach oben zu folgen. Diese Bewegung stellen nicht zuletzt die spitz auslaufenden gotischen Kirchentürme bis heute vor Augen: Höher, mein Gott, zu Dir! Man folgte ihr, wenn man sich um die Gebote mühte, aber auch schon weit vor Christus, indem man sich Erlösergestalten anschloss, die zur Erde kamen und dann die Menschen mit sich in den Himmel zogen. Weg von hier, und himmelan! Und Distanz zur Sexualität, sofern sie nicht zur Zeugung des Nachwuchses nötig war. Das war die Richtung!
Und auch das hat Folgen gehabt: Keiner mochte die Erde mehr leiden. Wer glücklich liebte, musste sich immer irgendwie unrein fühlen. Nichts war so wichtig geworden wie der Himmel irgendwo und das Leben dort. Das Geschöpfliche, ja, vor allem die Sterblichkeit, wurde verachtet. Und der Schöpfer musste von seinen Geschöpfen weit abgehoben werden. Das sterbliche Erdenleben verkam über lange Zeit hin zum Probelauf für den Himmel, und entsprechend wurden die Erde und ihre kreatürlichen Ordnungen geringer geachtet als die himmlischen, die keiner verantworten mußte. Noch der Ausgang der Klimakonferenz in Kopenhagen vor einer Woche hat gezeigt, wie sehr es uns an dem fehlt, was wir mit Albert Schweitzers Worten eigentlich brauchten: Ehrfurcht vor dem Leben, vor dem Irdischen, Liebe zu den Geschöpfen, die von uns abhängig sind, Freude an ihrer Vielfalt, genauer: Ehrfurcht vor Gottes Leben in den Geschöpfen.
So aber konnte und sollte es nicht weitergehen mit der Erde und den Menschen und auch nicht mit der Religion und dem Glauben. Denn nicht zuletzt die Religionen haben dazu beigetragen, dass die Menschen eher „mühselig und beladen“ lebten durch den ständigen Blick nach oben, weg von hier, anstatt sich ganz der Erde zuzuwenden, von der wir als Adamskinder doch dem Leibe nach genommen worden sind. Darum hat Gott es Weihnachten werden lassen. Ganz konkret in der Geschichte Jesu ist Gott Mensch geworden. Nicht wie ein Mensch ist er geworden, sondern wirklich Mensch, „euer Fleisch und Blut“, wie wir mit Luthers Worten gesungen haben. Das ist die gute Nachricht, das Evangelium, von heute.
Das heißt: Gott hat die Richtung jener Bewegung geändert, durch die wir Menschen zu Gott kommen, mit ihm in Verbindung kommen wollten. Wir müssen nicht mehr aufsteigen, dem scheinbar entschwundenen Gott hinterher. Wir müssen Gott auch nicht durch unsere Perfektion herbeizwingen, müssen nicht ohne Fehl und Tadel sein. Ein Mensch, der nicht irren, nicht aus Fehlern lernen darf, ist ein Zerrbild vom Menschen. Wer meint, so sein zu müssen, durchlebt die Hölle auf Erden. Und eine Erziehung nach diesem Maßstab führt in die Hölle, wie der Film „Das weiße Band“ zeigt.
Als Jesus kam, hat er gesehen, dass die Menschen mühselig und beladen waren. Er sah: Das Leben ist schwer. Ihnen muss geholfen werden. Religion, das Reden von Gott, hat nur den einen Sinn, Menschen zu sagen, wie und wo sie die Kraft finden können, die ihnen hilft, leben und sterben nicht nur zu müssen, sondern auch zu können. Das Wie und das Wo hat Jesus vorgelebt und gesagt: „Wer mich sieht, sieht den Vatergott.“ Gott hat jenen fernen Himmel verlassen, ist Mensch geworden.
Besser sollten wir sagen: Es hat sich durch das Leben und die Verkündigung Jesu gezeigt, dass Gott niemals wirklich weg gewesen, sondern immer als die wahre Lebensenergie da gewesen ist. Als die Liebe nämlich. Aber wir Menschen haben uns, was unsere Götterbilder angeht, immer an Herrschergestalten orientiert, bei denen wir die wahre Macht vermuten. Und darum haben wir nicht glauben mögen, dass Gott im Leben von Pflanzen, Tieren und Menschen wirklich Gott ist und sich entfaltet – und nicht irgendwo außerhalb der Welt. Und deshalb haben wir auch nicht glauben mögen, dass die Liebe die einzige Kraft ist, die die Welt zum Guten voran bringt. Denn nur Liebe und Ehrfurcht vor dem Leben nehmen alle Formen von Leben wahr und respektieren ihr Recht und ihre unterschiedliche Art zu leben. Und darauf kommt es an.
Rainer Maria Rilke hat die Konsequenz daraus so ausgedrückt:
Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht
Und sagt: Ich bin ( - )
Ein Gott, der seine Stärke eingesteht,
hat keinen Sinn.
Das musst du wissen, dass dich Gott durchweht
Seit Anbeginn,
und wenn dein Herz dir glüht und nichts verrät,
dann schafft er drin
Das Göttliche. …
Und Luther sang: „Gott wird Mensch, dir Mensch zugute. Gottes Kind, das verbind’t sich mit unserm Blute.“
Und du, was sollst du tun, wenn du das hörst und singst? Mach es wie Gott – werde Mensch und wolle nichts anderes werden. Das Göttliche macht Gott in Dir. Sei du Salz der Erde und das Licht der Welt, eine Freude, die reich macht. Beim Schen¬ken kannst du sie üben und beim Empfangen Danke sagen.
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