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Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Berg am Starnberger See

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Predigttext Pfarrer
Dr. Pfister

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Predigt über Lukas 24,13-35 am Sonntag Invokavit

Liebe Gemeinde!
Wie schon mehrfach in diesem Gottesdienst erwähnt wurde, leben wir seit Aschermittwoch in der Fasten- oder Passionszeit. Der Name Passionszeit für diese 7 Wochen ist mehr bei den Evangelischen eingeführt ( bei den Katholiken bezeichnet er nur die letzten 2 Wochen vor Ostern), aber auch dort wahrscheinlich nur den kirchlich Engagierten bekannt. Für Konfirmanden stellt er in der Regel ein völlig unbekanntes Fremdwort dar. Dagegen ist das Wort Fastenzeit überall geläufig und auch weit über den kirchlichen Raum hinaus sehr aktuell.

Den meisten von Ihnen wird wie mir am Aschermittwoch ein Probeexemplar der Abendzeitung in den Briefkasten geflattert sein. Darin waren erstaunliche Dinge zu lesen: „Jeder zweite in Bayern ist Fasten-Fan. Vielen geht es längst nicht mehr nur ums Essen. Sie verzichten lieber freiwillig auf Fernsehen, Internet, Handy, Alkohol, Sex oder das Auto. <Fastest du? Nein, ich bin nicht religiös!> Was früher ein Standard-Dialog am Aschermittwoch war, dürfte heute immer seltener zu hören sein. Fasten ist zu einer gesellschaftlichen Massenbewegung geworden.“

So weit die Abendzeitung. Bemerkenswert finde ich nicht nur die Zahlenangabe „jeder zweite in Bayern“ und das, was da (für die meisten von uns wohl nicht neu, aber für eine Boulevardzeitung doch beachtlich) über das Fasten gesagt wird: Es gibt viele, auch ganz neue Möglichkeiten. Nicht nur die klassische Art und Weise, das Essen einzuschränken, z.B. kein Fleisch zu essen oder täglich eine Mahlzeit ausfallen zu lassen. Es gibt viele andere Möglichkeiten, zeitlich begrenzt auf etwas für mich Wichtiges oder Liebgewordenes zu verzichten. Die Freude darüber, wenn ich es nach dieser Zeit wieder genießen kann, ist dann viel größer. Der Genuss und damit das Leben wird viel bewusster erlebt.

Es geht also um eine begrenzte Zeit, eine begrenzte Zeit des Verzichtens. Freilich nicht um irgendeine beliebige Zeit, sondern auch in der Abendzeitung geht es um die Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern. Die christlich geprägte Bedeutung dieser Zeit schwingt deutlich mit, auch wenn das sicher nicht allen Zeitungslesern und Wellnessfasterinnen sofort bewusst wird. Aber für uns heute dürfte es ganz deutlich sein. Und wahrscheinlich verstehen wir darüber hinaus, dass es in dieser Fasten- oder Passionszeit nicht um das Fasten als Selbstzweck geht, sondern um einen Weg, den wir gehen können und dabei neues über uns selbst und das eigene Leben zu entdecken, etwa die neu entdeckte Freude über die schönen und genussreichen Dinge des Lebens. Aber das ist, wie gesagt, nur ein Beispiel. Fasten nur ist eine Form des Weges, zu dem wir in diesen Wochen eingeladen sind. Wichtig ist nicht irgendeine spezielle Übung oder Form, sondern dass ich den Weg gehe.

Denn diese Wochen der zwischen Aschermittwoch und Ostern sind ein Weg, auf dem wir über die beschriebenen Genuss- und Lebensfreude-Impulse hinaus noch viel tiefere Hoffnung und Erfüllung erfahren zu können. Auch und gerade wenn wir das Wort Passionszeit, was ja wörtlich übersetzt Leidenszeit bedeutet, nicht ausklammern. Denn es geht dabei nicht allein um die Zeit von Aschermittwoch bis Karfreitag, nicht nur um die für viele destruktiv erscheinende Beschäftigung mit Leiden und Sterben, sondern in alledem und gerade darin gleichzeitig um die Perspektive auf Ostern hin, um die Perspektive des Lebens.

Vor 40 Jahren habe ich dazu etwas gelesen, was für mich völlig neu war und mir seitdem tief im Gedächtnis haften blieb. Ich fand es bei Jörg Zink, den viele von den Kirchentagen kennen und dessen Lieder und Texte uns auch in den neuen Gottesdienstentwürfen unseres Berger Gemeindegliedes Professor Jörns immer wieder begegnen. Jörg Zink sagt:
„Es gibt auf manchen einsamen Bergen Kapellen, die der Besucher nur zu Fuß über einen gewundenen Weg erreicht. Dabei begleitet ihn Station um Station des Kreuzwegs. Der Abstand zwischen den einzelnen Bildstöcken ist so groß, dass er Zeit hat, die einzelne Episode zu vergegenwärtigen oder sie im Gebet nachzusprechen, bis die nächste vor seinen Augen und vor seiner Seele steht. Es ist nicht zu begreifen, dass den Kirchen der Reformation, die der Gestalt des leidenden und sterbenden Christus mit so großer Klarheit begegnet sind, die Meditation des Kreuzwegs verloren ging... Wie sollten wir heutigen Menschen begreifen, was Glauben heißt, wenn uns das merkwürdig bliebe? Glauben heißt nicht etwas meinen, sondern den ganzen Menschen versammeln und mit allen Kräften und mit allen Schichten unseres Wesens vor Gott treten. Nichts beiseite schieben. Weder die Gedanken noch die Träume, weder die Hoffnungen noch das Wissen um die Angst.“

Für mich, der ich aus einer rein evangelisch geprägten Umgebung komme, war das, wie gesagt, völlig ungewohnt und absolut neu. Und anderen hier geht es vielleicht ähnlich. Aber das ist ja kein Grund, um es nicht einmal mit einer solchen Kreuzwegmeditation auf dem Wanderweg zu versuchen, vielleicht sogar mit den neugotischen Kreuzwegstationen in Berg zwischen Leoni und Aufkirchen. Am besten allein oder zu zweit und im persönlich angemessenen Tempo beim Gehen und Verweilen, aber auch der gemeinsame ökumenische Kreuzweg am Morgen des Karfreitag, wie wir ihn seit einigen Jahren zusammen mit unsren katholischen Mitchristen gehen, kann sehr eindrucksvoll sein.

Der Kreuzweg zeigt darüber hinaus: Es ist sicher gut, sich zu bewegen und sich auch körperlich auf den Weg zu machen. Wichtige Einsichten kommen oft auf dem Weg, beim Gehen. Auf dem äußeren Weg erschließt sich ein innerer Weg.
Und auf den kommt es an, um den inneren Weg geht es in der Passionszeit/Fastenzeit. Einen Weg, der die schrecklichen Erfahrungen bis hin zu Leiden und Tod nicht verdrängt, aber nicht im Negativen versinkt wie in einem Sumpf, sondern zum Positiven, zum Leben, zur tiefen Sinnerfüllung und Lebensfreude hinführt.
Davon erzählt in ganz besonderer Weise die Geschichte von den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus, die wir vorhin als Predigttext gehört haben. Über diese Geschichte wird meist am Ostermontag gepredigt. Aber sie gibt auch und gerade für die Fragen, die uns jetzt gerade beschäftigen, die entscheidenden Hinweise.
Sie erzählt nämlich einen inneren Weg, eine Art Kreuzwegmeditation als inneren Weg. Und auch sie erzählt das, wohl nicht nur zufällig, als eine Geschichte von Menschen, die mit ihren Füßen unterwegs sind.
Es ist ein langer und beschwerlicher Weg, der innere noch mehr als der äußere: Enttäuschung, Trauer, zerschlagene Hoffnungen, zerstörte Lebensperspektiven. Deshalb geht es auf diesem Weg nicht ohne Seufzer, nicht ohne mühsame und bedrückende Auseinandersetzungen.

Das Ziel wird allerdings nicht durch diese Anstrengungen und Diskussionen erreicht, sondern durch etwas ganz Anderes und Neues: durch eine überraschende Begegnung. Etwas, was nicht in einem jeden der beiden Menschen selber steckt, sondern von außen auf sie zukommt. Die Geschichte erzählt uns: Mut, Hoffnung, Lebensfreude kommt dadurch, dass Jesus selbst den Jüngern begegnet, uns begegnet. Das ist die entscheidende Wende. Er geht mit ihnen den Kreuzweg mit, er legt mit unendlicher Geduld die Schriften der Bibel aus, die auf ihn und vor allem auf sein Leiden und Sterben hinweisen. Das ist der Weg, auch der Weg für uns als einzelne und als Gemeinschaft, der Weg, auf dem er sich zeigen und sich uns erschließen will und es auch tut. Auch heute und in dieser Zeit bis Ostern.

Und noch etwas wird dabei besonders wichtig, wie das Ende der Geschichte eindrucksvoll aufzeigt: Er, Jesus, kommt uns vor allem dann nahe, er wird dann erkennbar und erfahrbar, wenn er uns das Brot bricht, wenn er uns bewirtet an seinem Tisch, im Abendmahl.
Das gilt auch hier und jetzt und heute, zu Beginn unseres Weges durch die Passionszeit/Fastenzeit 2010. Für diesen Weg bekommen wir eine stärkende Wegzehrung für Leib und Seele, Brot und Wein als Kraftquelle. Lassen wir uns einladen!

Amen.

 

 

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