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Herr, gib trübe Augen, für Dinge, die nicht taugen, und Augen voller Klarheit für Dich und Deine Wahrheit. Amen.
Liebe Gemeinde,
wir alle sorgen uns jeden Tag um Vieles. Um Vieles, wofür wir Verantwortung tragen und haben, gewollt oder ungewollt, selbstbestimmt oder fremdbestimmt, wissentlich oder unwissentlich. Und mit mehr oder weniger großer Sorge beobachten wir Entwicklungen und Ereignisse, die außerhalb unseres persönlichen Einfluss- und Verantwortungsbereiches geschehen. Der tägliche Blick in die Nachrichten aus aller Welt, aus der großen weiten und aus der näheren in unseren Breitengraden genügt. Haarsträubendes ist gerade wieder in den letzten Tagen und Wochen passiert und – machen wir uns nichts vor – steht auch immer wieder zu befürchten. Da kann man sich eigentlich nur Sorgen machen.
Und um uns selbst in unserer eigenen Welt und unserem persönlichen Umfeld sorgen wir uns in der Regel ja auch nicht gerade wenig, wenn etwas passiert ist oder mehr noch, damit nichts passieren kann: Mehr oder weniger kalkulierbare Risiken sichern wir ab durch Sicherheitsmaßnahmen und -standardsVersicherungs-policen, ja, wir leben in Deutschland in einem der institutionell weltweit am stärksten ausgeprägten sozialen Sicherungssysteme mit seinen fünf Säulen Unfall-Krankheit-Arbeitslosigkeit-Rente-Pflege.
„Sind Sie sicher dass Sie sicher sind? Sicherlich nicht! Sichern Sie sich eine Sicherung bei Ihrer Versicherung! Sicher ist sicher! Sicherlich!“, so lautete einmal ein Werbespruch. Und die Ratgeber- und Präventions-kultur blüht wie nie zuvor, von Sturzprophylaxe im Alter und Geistig-Fit-Spaziergang-Angeboten über Schöner Wohnen als Lifestyle-Format oder Cholesterinempfehlungen bis hin zu Trauerarbeitstipps von virtuellen Bestattungsinstituten auf Internetfriedhöfen – da scheint dann doch irgendwann die ganze Sache zu kippen: von rational vertretbarer und um ihre eigenen Grenzen wissender Risikoabsicherung hinüber ins Übertriebene, Irrationale, Absurde, ja Ideologische –
ein Beispiel: wenn wir einem anderen etwas wünschen, dann meistens, mit Vorliebe an Silvester oder zum Geburtstag: „Gesundheit, denn das ist ja das wichtigste!“ Und – wen wundert´s? – entsprechend sind dann bei der Gesundheit auch die Sorgen, die Panikmache und die Hysterie am größten und – die Diskrimierung derjenigen als „Sünder“, die diesen ganzen vor allem ökonomisch einträglichen mentalen „Gesundheits-faschismus“, wie ich es nenne, als Lebensstil so nicht mitmachen. Die sich nicht alle möglichen und unmöglichen Sorgen einreden lassen, nur weil es eine auch noch so geringe Wahrscheinlichkeit gibt, dass etwas Lebensbeeinträchtigendes passieren könnte. Gesundheitskult ist Religionsersatz. Die Gewissensnöte eines Martin Luther sind heute allgemein geworden, nur nicht gegenüber Gott und seinen Menschen, sondern umgemünzt auf ein umfassendes Gesundheitswesen oder auch –unwesen. Keine Sorge: es droht jetzt kein Wahlkampf!
Nicht nur im Gesundheitswesen und auch umweltbezogen leben wir heute sorgen-umwoben, werden wir wie von einem Sorgenspinnennetz eingewickelt. Oder um ein anderes Bild zu verwenden, von innen: Es kann einem heute in allen Lebensbelangen sehr leicht passieren, dass man vor lauter Sorgen um dieses und jenes und sich selbst sich und anderen das Leben schwer macht und sich selbst zerfrisst. Therapeuten und Seelsorger wissen davon ein Lied zu singen, eine Art modernen Klagepsalm.
Sorgen über Sorgen.
In dieser Situation erreicht uns heute der Ruf eines wahren Menschen – der hatte eigentlich nur eine Sorge: nämlich die Sorge um die, die sich dauernd Sorgen machen, vor allem um sich und um ihre Zukunft, und für alles sorgen wollen – wir haben das Evangelium gehört – :
Jesus spricht: Sorgt nicht um euer Leben! Oder wie es in der Parallelstelle bei Lukas heißt: macht euch keine Unruhe! Das trifft den Kern: Sorge macht unruhig, ruhelos! Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Worum ihr euch auch sorgt – Nahrung, Kleidung nennt Jesus als Beispiele, also für uns heute: alle menschlichen Grundbedürf-nisse und unsere Bemühungen, sie abzusichern, das ist gemeint – : worum Ihr Euch auch sorgt, euer himmlischer Vater weiß doch, dass ihr all dessen bedürft. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.
Ja, das wird jedem zu bedenken gegeben, der sich Tag und Nacht um vieles sorgt und darüber zutiefst unruhig ist in seiner Seele, unausge-glichen, unausstehlich wird, sich selbst nicht mehr mag und die anderen schon gleich gar nicht mehr.
Dagegen und, um solche Menschen aufzurichten - und wir gehören ja wohl alle mehr oder weniger zu diesen Sorgenmenschen auch dazu – dagegen setzt Jesus zwei Bilder:
die Lilien auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel. Sie stehen (bzw. fliegen …) für ein Leben aus unmittelbarem Gottvertrauen. Für ein Leben in freier, fröhlicher, schöner Gelassenheit, die aus der Gewissheit entspringt, von Gott getragen zu sein, in ihm sicher geborgen zu sein.
So wie es das alte Kindergebet sagt: Wo ich gehe, wo ich stehe, ist der liebe Gott bei mir, wenn ich ihn auch niemals sehe, weiß ich sicher, Gott ist hier.
Das lernen gerade meine Schüler in der 3. und 4. Klasse oben in Aufkirchen. Und sie nehmen es auf, hören es ein-/zweimal und können es gleich auswendig, weil sie offenkundig – noch, gerade noch – intuitiv „wissen“, was damit gemeint ist ?
Ältere, Menschen mit anderer und mehr Lebenserfahrung werden sagen: Die Botschaft hör ich wohl, allein: mir fehlt der Glaube. Ja, deswegen sagt ja Jesus an anderer Stelle auch: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder – oder: wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Das heißt nicht, dass wir kindisch werden sollen in der Kirche, sondern so direkt unser Vertrauen setzen sollen in Gott. Luther sieht dies widergespiegelt in dieser bestimmten Sorte von Ja-Rufen von Kindern, solange sie ihren Eltern noch jedes gesprochene Wort abnehmen – eine relativ kurze Phase in den ersten Lebensjahren. Wahrer Glaube ist demnach im gelungenen Fall ungebrochenes, unmittelbares, direktes Gottvertrauen, Urvertrauen, das über diese Welt und ihre Menschen hinausreicht, hinausweist und sich daraus speist. Dafür gibt es aber kein Rezept.
Dieses Gottvertrauen hat, um es Ihnen aber dennoch schmackhaft zu machen, den Vorteil und die Folge, dass der Mensch, der daraus lebt, im Hier und Jetzt lebt. Warum? Weil seine Aufmerksamkeit nicht andauernd auf drohend Bevorstehendes gerichtet ist. Auch nicht mehr dauernd auf Anderes, auf das Morgen, Übermorgen, nächste, übernächste Woche, nächstes halbes / ganzes Jahr oder die nächsten Jahre. Wer so lebt, kann die Menschen um sich herum nicht wirklich im Jetzt ernstnehmen, und sich selbst bald auch nicht mehr so recht.
Umgekehrt, und positiv gesagt: Wir gewinnen an „Lebensqualität“, wenn wir wie die kleinen Kinder mit dem Gottvertrauen in jeden neuen Tag gehen, mit dem Gottvertrauen, das - bildhaft - die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Felde verkörpern. Dieses in Vogel und Blume symbolisierte unmittelbare Gottvertrauen trägt an jedem neuen Tag neu. Es ist offen für alles, was kommt, weil es seinen Blick darauf nicht schon durch bestimmte Erwartungen und Sorgen verstellt. Und es trägt durch – durch jeden noch so schwierigen Tag. Es ist diese biblisch-christliche Lebensgrundhaltung, die Jesus selbst vorgelebt hat, dass du darauf vertraust, dass dein Tag - die Nacht ist natürlich mitgemeint - gut gehen wird. Es ist die tagtägliche Hoffnung, dass das übereinstimmt, was Du selbst vorhast und was Gott mit dir vorhat. Das kann und wird nicht immer aufgehen, ist es vielleicht auch dieses oder jenes Mal oder sogar oft schon nicht. Und das kann im Einzelfall ziemlich schmerzhaft sein. Weil Gott eben nicht immer nur ein „Freund des Lebens“ ist, wie eine EKD-Denkschrift heißt und meint. Nein, Gott steckt auch hinter dem, was menschlich unbeeinflussbar, unausweichlich ist, schicksalhaft mit dir passiert. Gott ist nämlich, wenn er denn Gott ist, nicht nur ein Freund des Lebens, sondern, wie uns die biblische Tradition und das Leben lehren, der „Herr über Leben und Tod“. Tod, Trennung und Leid, nicht nur die erfreulichen Seiten des Lebens, gehören genauso wesent-lich zum christlichen Lebensverständnis und Gottesbild. Und von daher geht es in einem heute verantwortbaren Christentum um ein Gott-vertrauen, das darum weiß, dass die menschliche Lebenswirklichkeit ambivalent ist, zum Teil auch völlig unverständlich bis absurd.
Vor diesem Hintergrund ist es aber wiederum besonders wertvoll, wenn uns - auch angesichts aller Endlichkeits- und Gebrochenheitserfahrun-gen - dieses ungebrochene Gottvertrauen dennoch immer wieder neu gegeben ist und erhalten bleibt.
Und genau das habe ich in den letzten eineinhalb Jahren vielfach in dieser Gemeinde erleben dürfen.
Liebe Gemeinde,
damit komme ich zu uns, Ihnen als Gemeinde und mir als Ihrem neuen Pfarrer. Wir hatten seit Frühjahr letzten Jahres immer wieder Anlass zur Sorge: wie es meinem nunmehrigen Vorgänger geht. Er lässt Sie herzlich grüßen, er hat heute selbst Gottesdienst in München. Es gehe ihm gut. Lange Zeit mussten wir uns sorgen um ihn, um uns, um diese Gemeinde, wann es wie besser und weiter geht. In dieser Zeit haben wir uns kennen- und schätzen gelernt, insbesondere der Kirchenvorstand und ich und nicht wenige mehr. Und ich habe gemerkt, wie viel Potential in dieser evangelischen Gemeinde Berg steckt, und mit welchem Gottvertrauen, das erwiesenermaßen größer ist als alle Sorgen, die man sich berechtigt machen konnte, hier diejenigen auftreten und sich einbringen, die mitmachen oder den Gottesdienst besuchen oder andere unserer vielfältigen Angebote wahrnehmen. Tun Sie das bitte alle auch weiterhin. Und gestalten Sie mit!
Das hat mich jedenfalls so beeindruckt, dass ich – obwohl ich ein überzeugter Diakonie-Mensch des Augustinum bin und auch Fan dieses Unternehmens bleiben werde, dem ich sehr viel verdanke – mich für dieses Pfarramt persönlich beruflich um-entschieden habe. Zudem dürfte es kaum etwas Schöneres geben, als mit seiner Familie an einem Ort zu leben und in einer Gemeinde wie Berg am Starnberger See zu arbeiten, wo andere Urlaub machen. Noch dazu, wo es seit 30 Jahren meine Heimatgemeinde ist.
Von daher haben meine Frau und ich keinerlei Sorge, dass wir gut miteinander zurecht kommen, auch die Kinder: wir freuen uns auf Sie!
Bitten wir unseren Gott um seinen Segen für unser Gemeindeleben, für die vielen, um die wir uns kümmern können und sollen, ich bin ab jetzt für Sie, Ihre Sorgen und Ihre Freuden da, soweit Sie das wünschen.
Ja, mit Gottes Hilfe. Amen.
Und der Herr sei mit eurem Geist. Amen.
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