EVANGELISCHES GEMEINDEHAUS BERG

KATHARINA VON BORA-HAUS

Seit der Einweihung des evangelischen Gemeindehauses in Berg vor 12 Jahren ist die Diskussion nicht abgerissen, wie dieses Haus heißen soll. Der lange Atem hat dieser Diskussion gut getan. Zuletzt standen zur Wahl: Matthias Claudius-Haus, Dietrich Bonhoeffer-Haus und Katharina von Bora-Haus. In einer Befragung anlässlich der 10- jährigen Einweihungsfeier hat sich der Name Katharina von Bora-Haus durchgesetzt. Die Antwort auf den Antrag an das Landeskirchenamt kam schnell „..sehr gerne wird diesem Antrag zugestimmt."
Inzwischen sind 2 Jahre vergangen und der Beschluss, die Namensgebung im Rahmen dieser Festwoche zu vollziehen, hat erneut Zeit gegeben, sich der Bedeutung gerade dieser Namensgebung anzunähern. Die Wahl wird mehr und mehr in der Gemeinde als eine glückliche Entscheidung empfunden. Die wiederholte Beschäftigung mit Katharina von Bora - warum hieß sie eigentlich nie Katharina Luther? - hat dies bewirkt.
In der Erforschung der Nebenfiguren(!) der Reformation, die beeinflusst von der allgemeinen Alltagsforschung in der Geschichtsschreibung, immer stärker in Gang kommt, spielt Katharina von Bora längst nicht mehr die Rolle einer „Nebenfigur". Ihr Leben wird als eigenständiger Beitrag sowohl für die Reformationsgeschichte, als auch für eine allgemeine „Geschichte der Familie" anerkannt. Die Vielzahl der Schriften Martin Luthers zu Ehe und Familie lassen deutlich ihren Einfluss auf sein Denken erkennen und zeigen, wie sich in dieser Ehe überhaupt ein völlig neues Bild von Liebe und Ehe entwickelte, das für viele Menschen - innerhalb und außerhalb der Kirche - bis heute das „Standardbild" von Eheleuten prägt.
Seit der Eheschließung am 13. Juni und der Hochzeitsfeier am 27. Juni 1525 bekommen die „Sendschreiben" Luthers zu Ehe und Familie einen anderen Ton. Vor der Eheschließung befassten sich die Überlegungen mit eher „kirchenjuristischen" Fragen:
1519 Der „Sermon vom ehelichen Stand" korrigiert das kirchliche Postulat, dass Keuschheit höher als Heirat zu werten sei.
1520 „An den christlichen Adel deutscher Nation..." widerspricht dem Verbot der Priesterehre vor dem Hintergrund biblischer Auslegung.
1521 „Welchen Personen verboten sind zu ehelichen" hebt das Verbot der Ehe zwischen „geistlich Verwandten" auf. So durften z.B. Paten eines Kindes nicht heiraten, weil sie als geistlich verwandt galten.
1522 „De votis Monasticis" (Von den Mönchsgelübden) betont klar, dass die Sexualität des Menschen und damit die Ehe von Gott gewollt ist: „Man kann Keuschheit genauso wenig geloben, wie die Nase auf dem Rücken zu tragen." - Gott hat die Freiheit zur Ehe gestiftet. Wer daraus einen Zwang zum Zölibat macht, sündigt.

Dann die eigene Heirat mit der ehemaligen Zisterziensernonne Katharina von Bora. Die Themen seiner Texte zur Ehe verändern sich:
1523 „Vom ehelichen Leben"
1524 „Dass Eltern ihre Kinder nicht zur Ehe zwingen und sie auch nicht davon abhalten sollen."
Jetzt erscheinen auch viele Sendschreiben zu einzelnen Trauvorhaben. Die Einzelseelsorge vor der Trauung nahm hier ihren Anfang:
1523 an Jan von Schleinitz..." oder „Sendschreiben an drei Hofjungfrauen zu Freyberg" u.a.
Was uns heute eher zum Schmunzeln bringt, bedeutete damals eine Revolution des privaten Lebens. Die Erfahrungen Luthers in seiner Ehe mit Katharina von Bora ermöglichten einen ganz neuen Blick auf das Miteinander von Mann und Frau. Nicht mehr erbrechtliche Gründe standen bei einer Heirat im Vordergrund oder Abrundung der eigenen Pfründe, sondern mehr und mehr die Frage nach der menschlichen Basis einer Beziehung. Um eine theologische Begründung des partnerschaftlichen Umgangs zwischen Mann und Frau geht es jetzt.

Katharina selber prägt durch ihr eigenes Handeln ein völlig neues Bild der Frau. Und zwar ein Bild, das mit dem „Heimchen am Herde" oder der biedermeierlichen Privat-Idylle nichts gemein hat. Ihre vielen „Nebentätigkeiten" rücken sie eher in die Nähe des modernen Bildes einer durch Beruf und Familie doppelt belasteten Frau: Brauereiwesen, Herbergsbetrieb, Gutsverwaltung und vieles andere meisterte sie - wie, das bleibt ihr Geheimnis - neben ihren Aufgaben als Mutter und Ehefrau eines im Privaten nicht immer einfachen, wenn auch öffentlich berühmten Ehemannes. Martin, eher der „Typ, der keinen Nagel in die Wand schlagen kann", hat in Katharina eine Frau gefunden, die das dann eben selber macht, oder zumindest so organisieren kann, da die Familie blüht und gedeiht. So entwickelt sich im „schwarzen Kloster" zu Wittenberg, dem ersten evangelischen Pfarrhaus, eher eine Art „Familienfabrik", denn eine bürgerliche Idylle vom romantischen Leben.

Wie hier eine Frau - ohne Vorbild - sich eine neue Rolle erarbeitet; wie sie dabei ihrem klösterlichen Schutz nicht nachweint, sondern ein ganz neues Lebensmodell wagt und gestaltet, das ist geeignet, sowohl für Männer und Frauen in einer Zeit, wo alte Modelle des Miteinanders mehr und mehr in Frage gestellt sind, Mut zu machen, neue Wege miteinander zu entdecken.

Darum: Katharina von Bora-Haus in Berg

Hans- Jörg Köppen

 

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