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18.11.2020 - Gottesdienst am Buß- und Bettag

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Predigt am Buß- und Bettag 2020 von Pfarrer Johannes Habdank

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ So lautet ein Wort des Apostels Paulus an die Römer (12,21).

Liebe Gemeinde,
jeder von uns hat persönlich ein Gespür dafür, was gut und was böse ist, was richtig oder falsch ist zu tun. Diese je individuelle Einschätzung ist durch viele Faktoren bestimmt, ich greife einige wenige heraus: Du hast durch Prägung, Erziehung und soziales Umfeld gelernt, was „böse“ und daher nicht zu tun ist, weil es eben nicht „anständig“ oder „gut“ ist; je nachdem, was dir da an moralischen Standards, gesellschaftlichen Spielregeln vermittelt wurde, ist bei jedem wohl ein bisschen anders. Dazu kommt die erworbene Kenntnis bestimmter biblisch-christlicher Gebote, in unserem Kulturkreis immer noch so, hoffentlich – wie lange noch? - etwa der 10 Gebote aus dem Alten Testament oder der Forderungen Jesu in der Bergpredigt im Neuen Testament, der „goldenen Regel“ – in der Regel bekannt als: „Was Du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“ – oder des Kategorischen Imperativs von Immanuel Kant. Er lautet in seiner bekanntesten Version: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Deine Handlungsprinzipien sollen also auch allgemein gültig sein können für alle Menschen.

Einfacher gesagt: „Stelle dir vor, jeder würde oder dürfte das tun!“, was Du gerade tust. Das kann der Maßstab dafür zugleich auch aller anderen sein, geht das auch für alle? Oder, wie wir gerne sagen: „Wo kämen wir hin, wenn auf einmal jeder … !“ – Das ist auch ein – vereinfachter - Ausdruck des kategorischen Imperativs. Dann gibt es noch eine andere Version des kategorischen Imperativs bei Kant, die wieder komplizierter klingt: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ Wir sollen also die Menschen, mit denen wir umgehen, nicht als Mittel für unsere eigenen Zwecke ge- oder missbrauchen, sondern um ihrer selbst willen mit ihnen umgehen, als „Selbstzweck“. Das ist eine bleibend gute neuzeitliche Interpretation des Gebots der Nächstenliebe, wenn man sie nicht nur für eine allgemeine Wahrheit hält, sondern sie auch konkret im Einzelfall zur Anwendung bringt.

Liebe Gemeinde, bezogen auf das Gute und das Böse scheint es über das gespürt oder tatsächlich oder gedanklich Geregelte hinaus auch einen relativ großen moralisch indifferenten Bereich zu geben, wo man es eben nicht so genau weiß, ob es nun immer gut oder böse ist, und das ist ein erfahrungsgemäß großer Lebensbereich, in dem das Leben einfach so läuft, laufen muss. Dazu gehören unsere Alltagsrituale und -richtigkeiten, die moralisch weder besonders gut oder schlecht, böse, zu sein scheinen. Ihre Güte liegt darin, dass sie fürs Leben nützlich sind in dem Sinne, dass sie Entlastung bringen: du brauchst dich nicht jedes Mal zu fragen: ist das nun gut, oder ist das schlecht, böse, und nicht jedes Mal neu zu entscheiden: das mache ich heute so oder doch lieber anders? Das wäre eine zu starke Belastung im Leben, im Alltag.

Also: vieles läuft den ganzen Tag über nach ziemlich eingeschliffenen Verhaltensmustern ab, vom Ritual des Aufstehens in der Früh bis zum Ins-Bett-Gehen am Abend. Wobei: Die potentielle Schlechtigkeit der Alltagsrituale und ihrer Moral, zumindest ihre riskante Seite besteht darin, dass sie zu wenig kritisch befragt werden, ob sie denn wirklich immer und in jeder Situation und vor allem auf Dauer sinnvoll sind. Sie funktionieren einfach. Das ist einerseits gut so und lebenswichtig.

Irgendwann ist aber bei jedem ritualisierten Lebensumgang auch ein kritischer Punkt erreicht: wenn etwa kritisch vom „Alltagstrott“ die Rede ist, dass ehemals als sinnvoll erlebte Rituale und alteingespielte Verhaltensmuster zu sinnleeren Hülsen vertrocknen - ein Phänomen, das unseren Kirchen natürlich übrigens völlig fremd ist …- : das Ritual wird zum lebensfremden Selbstläufer, der eigentlich keinen mehr so recht interessiert, weil der Sinn für´s Leben nicht mehr klar ist, abhandengekommen ist. Und eine Gefahr für jedes Ritual ist auch: dass sich ja auch einmal etwas „Ungutes“ einschleichen kann, oder sich die Situation so ändern kann, dass auf einmal das, was bisher ganz gut ging und gut war, ins Negative umschlägt, weil das Ritual nicht mehr zeitgemäß, situationsgemäß oder lebensdienlich ist.

Daran sehen wir, dass auch das breite Feld der Alltagsrituale, etwa in einer Ehe oder einem anderen Unternehmen, auch dem kirchlichen doch nicht ganz als moralisch indifferent anzusehen ist, sondern zumindest auf Dauer immer auch im Spannungsfeld von gut und schlecht / böse anzusiedeln ist. Es kann auch wechseln. Ja, wir leben jeden Tag im Spannungsfeld beider Pole: Gut und Böse, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, merken und wissen oder nicht.

Was du als „gut“ oder „böse“, „lebensdienlich“ oder „lebenshindernd“, „anständig“ oder „nicht anständig“ bis „unanständig“ ansiehst, dafür spielt – je individuell unterschiedlich stark – auch die Religion, deine Religion eine Rolle, mit der du aufgewachsen bist, die du vielleicht abgelegt hast oder in neuer Form wieder gewonnen, die du aktuell pflegst, soweit sie sich lebensorientierend artikuliert und alltagspraktisch auswirken will. Und das tut die christliche Religion ja von Beginn an sehr stark. Jesuanisch, biblisch, katholisch, lutherisch. Ja, vor allem für unseren evangelischen Bereich kann man sagen, dass zumindest das neuprotestantische Christentum seit etwa 200 Jahren vom dogmatischen in sein ethisches Zeitalter eingetreten ist. Deswegen spielen auch ethische Fragestellungen und Stellungnahmen heutzutage kirchlich eine sehr wichtige Rolle, wie ich meine: eine zu wichtige, das eigentlich religiöse Thema kommt oft zu kurz. Bei uns hier auch?

Nun, im Feld von Moral und Ethik leben wir alle in der Spannung zwischen Gut und Böse. Und es ist ja immer nur das von uns gedeutete, interpretierte Gute und Böse, mit dem wir es zu tun haben.
Das absolute Gute an sich steht uns Menschen nicht zur Verfügung, das wäre Gott selbst. Wie Jesus einmal dem reichen Jüngling gesagt hat: „Was fragst du mich, was gut ist? Gut ist nur einer.“ (Mt 19,17). Damit meint er Gott selber. Dem hätte der altgriechische Philosoph Platon sicher auch zugestimmt. Dem war nämlich in ganz anderem geistig-kulturellen Umfeld 500 Jahre vorher auch schon das Göttliche selbst allein das absolute Gute.

Das dürfte übrigens Jesus indirekt von Platon haben, über die hellenistische Philosophie des Kynismus, die zu seiner Zeit als Geisteshaltung und Wanderphilosophenbewegung auch in Galiläa präsent und prägend war - etwa im Wirtschafts- und Bildungszentrum Sepphoris, nähe See Genezareth, einer Bewegung und Geistesrichtung, durch die Jesus nach neueren Forschungen ganz klar mitgeprägt ist, also nicht nur von der biblisch-jüdischen Tradition seiner Zeit, die freilich auch schon hellenistisch-philosophisch geprägt ist, siehe die sog. Weisheitsliteratur, Buch Prediger, die Sprüche im Alten Testament.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Römer 12,21)
Liebe Gemeinde, dieser Spruch, der sich auf die Bi-Polarität von Gut und Böse im Leben bezieht, hat auch eine religiöse Komponente, die man ihm nicht gleich ansieht. Es scheint zunächst darum zu gehen, was wir als Christen im Alltag zu tun haben, oder zu lassen, auch das Lassen ist ein Tun. Und da sind nicht nur irgendwelche kirchenleitenden Gestalten angesprochen, Amtsträger oder gar „Heilige“, sondern jeder Christ in seinem Alltag. Die Vorstellung vom Priestertum aller Gläubigen liegt hier zugrunde. Und da sind wir alle „Heilige“ und „Sünder“ zugleich.

Deswegen machen wir bei uns in der evangelischen Kirche keinen Unterschied zwischen Geistlichen und Laien. Das haben wir letztlich von Jesus selbst, vor allem aber von Paulus, über Luther geerbt.
Nicht nur der Apostel damals, sondern auch jeder Christenmensch heute lebt im Alltag in Konflikten, manchmal mehr, manchmal weniger.

Und das ist jeden Tag so, auch am Sonntag oder zu besonderen Anlässen. An Weihnachten etwa kracht´s in manchen Familien besonders, weil die Friedlichkeitsanspannung und -erwartung da besonders groß ist. Ob Berufsleben, ob zu Hause, wo auch immer: da gibt es immer wieder auch Konflikte, und unter weiterhin eingeschränkten Sozialbedingungen, wie wir sie jetzt gerade wieder haben, wird die Stimmung bei vielen immer gereizter. Der oftmals so sehr ersehnte Friede, vom „ewigen Frieden“, dem „Fried ohn´ Unterlass“, den wir in unserem Glorialied „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ besingen, ganz zu schweigen. Ein selbstkritischer Blick auf das eigene Leben und Umfeld genügt, um das zu bestätigen. Da muss man noch nicht einmal die täglichen Infos von anderen über die „Buschtrommel“ oder die Nachrichten aus aller Welt aller Art hören oder sehen.


Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Römer 12,21)
Was ist mit dem „Guten“ gemeint? Bei Paulus ist es – wie bei Jesus – der Wille Gottes in Gestalt des Doppelgebots der Gottes- und Nächsten-liebe und der Feindesliebe. Wie der Apostel an früherer Stelle schreibt, sollen wir dabei unseren „Leib“ zugunsten des Guten einbringen. Mit „Leib“ ist gemeint: unsere eigene Person. Und zwar ganz: auch mit unserem kommunikativen Verhalten, Umfeld und Kontakten und allen unseren Möglichkeiten. Das ist mit „Leib“ gemeint. Und damit würden wir dann das repräsentieren, was Paulus den „Leib Christi“ nennt.

Im Interesse des Wohls der Gemeinde und der uns umgebenden menschlichen Gesellschaft. Ja, volles christliches Engagement ist gefragt! Und dieses erleben wir vielfach hier bei uns in der Gemeinde – zum Glück ohne sonderliche Konflikte im Hinter- oder Vordergrund, anders als es dem Apostel erging zu seinen Zeiten, asl er harte Durchsetzungskämpfe zu bestehen hatte.


Liebe Gemeinde – und damit komme ich zum Schluss –, ganz im Sinne des Pauluswortes, als Mahnung, nein: Erinnerung!
So sehr ich dieses tatsächliche Engagement für die christliche Gemeinschaft hier in dieser Gemeinde wahrnehme und sehr dankbar und positiv erlebe, gerade auch unter derzeit erschwerten Bedingungen, und ich auch das Zusammenwirken und Zusammenspiel der wenigen Hauptamtlichen, der sehr vielen Ehrenamtlichen und der auch zahlreichen Teilnehmer an unserem Gemeindeleben sehr zu schätzen weiß: ebenso klar möchte ich diesen paulinischen Gedanken uns allen ins Stammbuch, ins Gewissen geschrieben sehen, auch mir selber, damit es so gut weitergeht, wie es in den letzten 11 Jahren war. Seien wir frohen Mutes für die Zukunft der Gemeinde! Aber haben wir auch Acht im Sinne des Paulus: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Denn dieser Spruch will uns auch einschärfen: Das sogenannte oder tatsächliche Böse, das Störende lauert immer und überall. Die Lage kann täglich anders werden. Dabei denke ich an Störungen von außen, aber auch von innen, auch wenn ich sie nicht sehe momentan, gemeint ist im Spruch aber das Böse in uns selbst, als teilnehmende und gestaltende Menschen aufgrund unserer eigenen, prinzipiell bipolaren Struktur, die jeden von uns Menschen kennzeichnet, laut biblischer Einsicht.

Lassen wir uns nicht von möglichem Negativen anstecken, bleiben wir beim Positiven, so wie es jetzt der Fall ist!
Alexander Solschenizyn hat im „Archipel Gulag“ – eine Nuance optimistischer als der Apostel – einmal geschrieben:

Daher ist es gut, gesagt zu bekommen: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Danke, Gott, für alles Gute, bewahre uns vor allem Übel.

Amen.

Und der Herr sei mit eurem Geiste! Amen.

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