München – Es ist nicht nur das letzte Dokument von Dietrich Bonhoeffer, dem wohl bedeutendsten evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts, es ist zugleich sein bekanntestes und populärstes: Das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ – sein geistliches Vermächtnis, von mehr als siebzig Komponisten vertont. Der Schluss des Briefes an seine Verlobte Maria von Wedemeyer vom 19. Dezember 1944 ist ein Gebet, das schon vielen Menschen Trost spendete inmitten der Ungewissheiten des Lebens.

Bonhoeffer wurde nur 39 Jahre alt. 17 Bände umfasst sein Gesamtwerk. Wer sich mit ihm befasst, begegnet einem vielseitigen Wissenschaftler, Prediger, Seelsorger, Dichter. Er wird am 4. Februar 1906 in Breslau als sechstes von acht Kindern geboren. Sein Vater Karl ist Arzt und Neurologe. Bonhoeffer studiert Theologie, wird Vikar in der deutschen Gemeinde in Barcelona. 1930 habilitiert er sich in Berlin im Fach Systematische Theologie.

 Zur Ordination noch zu jung, geht er nach New York. 1931 kehrt er nach Berlin zurück. Zwei Jahre später übernimmt er ein Auslandspfarramt in London. 1935 wird er Studiendirektor des Predigerseminars der Bekennenden Kirche erst auf dem Zingsthof, dann in Finkenwalde. 1939 reist Bonhoeffer nach London und in die USA – und kommt im Juli wieder nach Deutschland – kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Schon 1936 war Bonhoeffer die Lehrerlaubnis für Hochschulen entzogen worden. 1940 erhält er obendrein ein Rede- und Schreibverbot. Über seinen Schwager Hans von Dohnanyi schließt er sich dem politisch-militärischen Widerstand um Admiral Wilhelm Canaris an, der ihn im Amt Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht beschäftigt. Als Vertrauensmann knüpft Bonhoeffer mithilfe seiner ökumenischen Kontakte Verbindungen zwischen den westlichen Regierungen und dem deutschen Widerstand.

Anfang 1943 verlobt er sich mit Maria von Wedemeyer, am 5. April wird er unter der Beschuldigung der Wehrkraftzersetzung verhaftet.

Aber erst nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 gelingt es der Gestapo, Bonhoeffer eine Widerstandstätigkeit nachzuweisen. Am 3. April 1945 wird er mit anderen Häftlingen verlegt. Kurz darauf gibt Hitler den Vernichtungsbeschluss für die Beteiligten des 20. Juli. Am 8. April wird Bonhoeffer ins KZ Flossenbürg verlegt und noch in der Nacht verurteilt. Mit Canaris, Hans Oster und Karl Sack wird Dietrich Bonhoeffer in den Morgenstunden des 9. April durch den Strang hingerichtet.

Wäre er nicht ermordet worden, was wäre aus ihm geworden: Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)? Bundespräsident? Generalsekretär der Vereinten Nationen? Das alles bleibt Spekulation. Bonhoeffer wird von Konservativen und Progressiven gleichermaßen geschätzt. Das „Lied von den guten Mächten“ findet sich nicht nur im Evangelischen Gesangbuch, sondern auch im katholischen Gotteslob. Im Jahr 1996 hebt das Landgericht Berlin das Todesurteil auf und rehabilitiert den Theologen, der als ökumenischer Märtyrer verehrt wird. Weltweit sind nicht nur Kirchen, sondern auch Schulen, Krankenhäuser, Straßen und Plätze nach ihm benannt.

Seine Gedanken und theologischen Fragen sind ungebrochen aktuell. Mehr noch: Es scheint, als habe er – wie kaum ein anderer – eine Geistesgegenwart entwickelt, die den Puls des Zeitgeschehens spürte. Und Antworten zu formulieren vermocht, die Menschen auch heute ansprechen.

Und in alledem ist er fromm und politisch zugleich. Einige Kostproben: „Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.“ „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott.“ Oder: „Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“

Ein Satz, den Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und Vorsitzender des Rates der EKD, wiederholt zitiert. Und damit zu erkennen gibt, in welcher Tradition er seine Kirche sieht. O-Ton Bonhoeffer: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“ Oder: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“ Und wenn es sein muss, auch zum Äußersten bereit, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“.

„Von guten Mächten“ gehört zu einem Zyklus von zehn Gedichten bzw. gedichtähnlichen Meditationen, die allesamt zwischen Juni und Dezember 1944 im Gefängnis entstanden. Freund und Kollege Eberhard Bethge, Herausgeber der Werke Bonhoeffers, ist sicher, dass dieser früher keine Gedichte geschrieben hat. Er ist Seelsorger und Prediger – Wissenschaftler, der sein theologisches Denken im universitären und gesellschaftlichen Diskurs behaupten muss. Die Dichtkunst zielt ja nicht auf den Austausch von Argumenten, gar auf den Streit um der Sache willen. Die Poesie verdichtet Worte zu Gedanken in einer neuen Sprache. Die Konzentration des Textvolumens führt bei Bonhoeffer auch zu einem sparsamen Gebrauch von (theologischen) Begriffen – oder sogar zum Verzicht. „Gott“ kommt in den sieben Strophen einmal vor, „Glaube“ als Begriff sucht man vergeblich in seinem bekanntesten Gedicht.

Wieso es zu dieser Entwicklung bei ihm kam, darüber gibt es keine Hinweise von ihm selbst noch aus der Erforschung seines Werkes. In jedem Fall ist es ein neuer Versuch, von Gott zu sprechen. Er trifft – für seine Zeit – eine ungewöhnliche Wortwahl. Seine Übersetzungsbemühungen, verständlich vom Glauben zu reden, geben ihm nachträglich Recht. Und sind der Maßstab, an dem sich Theologinnen und Theologen heute messen lassen müssen. Ob jemand an Gott glaubt oder nicht: Bonhoeffers Lied leiht Menschen Worte für das, was sie in ihrem Innersten erhoffen: Kraft und Trost und Zuversicht zu finden inmitten der Irrungen und Wirrungen des eigenen Lebens, aber auch in den gesellschaftlichen Zusammenhängen.

Bonhoeffer schreibt diese Verse im Kerker. Am 8. Oktober 1944 wurde er in das Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamtes in die Berliner Prinz-Albrecht-Straße verlegt. Das heute als „Topographie des Terrors“ bekannte Gelände war der zentrale Ort, an dem die meisten Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes geplant und gesteuert wurden.

Die „guten Mächte“ sind die Klammer, die das Lied zusammenhalten und den Bogen von der ersten bis zur siebten Strophe spannen: „treu und still umgeben“ sie ihn – so, als wären sie ganz selbstverständlich da. Ein Wort kommt – wie die guten Mächte – zweimal vor, in der ersten und letzten Strophe: „wunderbar“. Nichts könnte seine Gefühlswelt treffender beschreiben, als dass er sich behütet, getröstet, geborgen fühlt. Kein Jammern, kein Hadern, kein Klagen. Obwohl er bösen Mächten wehrlos ausgesetzt ist. Und diese haben Namen: Adolf Hitler, Nationalsozialismus, Diktatur.

Und dann der grandiose Schluss: „Gott ist bei uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Das ist wörtlich zu nehmen – auf den heutigen Tag und Abend bezogen und auf alle Tage und Nächte, die kommen.

Gott ist da – das ist die Quintessenz der Theologie Dietrich Bonhoeffers. Auf einen Nenner gebracht, lässt sich mehr und anderes nicht sagen.