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20.09.2020 - Gottesdienst am15. Sonntag nach Trinitatis

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Predigt über den Herbst, 20.9.2020, Gemeindegarten Berg
von Pfarrer Johannes Habdank

Übermorgen ist Herbstanfang! Daher heute:
Religiöse Begleitgedanken zum Herbst!

Ich beginne mit Versen von Karl Valentin, der ironischerweise alle Jahreszeiten gleich besungen hat, so auch den Herbst:

„Wie herrlich ist’s doch im Herbst!
Im Herbst, da ist mir so wohl.
Oh, wäre es immer nur Herbst,
im Herbst, da fühl ich mich wohl.
Der Herbst, der hat so was Eig‘nes.
Der Herbst besitzet die Kraft.
Oh, bliebe es immer nur Herbst.
Der Herbst gibt Mut uns und Kraft!“

Wenn´s denn so wäre!

Liebe Gemeinde,

der Herbst und das zu Ende gehende Kirchenjahr ist die Zeit des Dankes für erlebte Erfüllung, aber auch der Besinnung auf Unerfülltes und - auf die sogenannten „letzten Dinge“: Sterben, Tod und Ewigkeit und, was in der christlichen Vorstellungswelt damit verbunden ist.

Da ist zum einen das Erntedankfest Anfang Oktober: es wird uns wieder und wie immer Anlass zu danken geben für alles, was gelungen ist, was Freude gemacht hat, was erfüllend war in der vergangenen Zeit, also: dass wir danken für die Ernte, die eingefahren wurde im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Auch in unserem persönlichen Umfeld, in unserem eigenen Leben, wobei wir dann auch weiter zurückblicken können: wie es uns von klein auf ergangen ist. Und da findet sich sicher bei jedem etwas, wofür er dankbar sein kann, hoffentlich vieles! Man muss es sich nur wieder einmal klar machen.

Nun – so viel jeder selbst dazu beigetragen haben mag und hat: es ist nicht selbstverständlich, dass alles so gut ging, dass auch manch schwierige Situation wider Erwarten, aber wie erhofft und gewünscht, doch auch gelungen ist. Dafür ist zu danken, und zwar einem Höheren, als wir selbst und alle zusammen es sind: Gott für seinen Segen, seine Bewahrung und Begleitung. Auch wenn wir es so vielleicht gar nicht immer wahrgenommen haben: Wir wurden getragen.

Nicht nur Erntedank, eigentlich jeder Tag im Jahr gibt uns aber auch nicht nur zu danken, sondern auch zu denken angesichts dessen, wofür wir nur schwer oder eigentlich gar nicht danken können: Misslungenes, die gescheiterten Planungen, die enttäuschten Hoffnungen und Beziehungen, das, ja, als lebensfeindlich Erlebte, jeder in seinem Bereich, in dem er wirkt - das zerstörerisch Unheilvolle, unser Leben nachhaltig negativ Beeinträchtigende: es treibt uns um, bedrückt und plagt uns, geht uns nach, hängt uns nach, zieht uns nach unten. Mit solchen Erlebnissen im weiteren Leben zu Recht zu kommen, ja, das wäre schon einiges. Darum können wir Gott nur bitten, mit eigenen Worten, so wir passende finden, oder etwa mit Worten aus der Bibel, die uralt sind, aber auch vielfach heute noch erprobt und bewährt, etwa aus Psalm 121 (Auswahl):

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele. Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!“

Ausgang und Eingang - damit sind wir bei dem weiteren, nicht nur in der Natur, sondern auch im Kirchenjahr vorherrschenden Thema des Herbstes: Verwelken, An-Lebenskraft-Verlieren, Zu-Ende-Gehen, Sterben, Tod, Vollendet-Werden, Vollendung-Finden und In-die-Ewigkeit-Gelangen, also das, was über unser Leben, aber auch über Vorstellungskraft hinaus geht, was wir nur glauben können im Vertrauen in das uns Ungewisse hinein.

In unserem stark katholisch geprägten religiös-kulturellen Umfeld hier in Oberbayern, im Oberland, werden die Themen Tod und Ewigkeit an Allerheiligen und Allerseelen besonders bedacht. Auch bei uns Evangelischen geht es darum nicht erst am Ewigkeitssonntag zum Ende des Kirchenjahres, sondern vorläufig schon in ökumenisch-kultureller Verbundenheit auch schon Anfang November mit dem Gedenken an unsere Verstorbenen, einem Grabbesuch. Wir werden alle früher oder später nachkommen.

Ich kenne Menschen, die warten schon darauf. Es ist ihnen genug mit dem Leben. Danke, Gott, nimm mich. „So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich“ – wie gedichtet ist.

Wir erleben aber auch immer wieder Schicksale, wo ein Mensch viel zu früh aus dem Leben scheidet. Die Flüchtigkeit und Todverfallenheit und Nichtigkeit allen menschlichen Lebens und irdischen Daseins tritt bei uns Evangelischen nun aber dann doch erst so richtig mit dem Toten- oder Ewigkeitssonntag verstärkt ins Bewusstsein: „auf welch dünnem Eis“ wir uns bewegen, wie hinfällig vieles ist, wie leer und eitel. Das zu bedenken, ist dann kirchenjahreszeitlich besonders angesagt.

Wie es im Psalm 103 heißt: „Der Herr weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind. Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind dar-über geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.“ Und in Psalm 90 heisst es: „Herr: Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

Der Herbst als Jahreszeit steht metaphorisch für beide Themen: den Dank für positiv erfülltes Leben und das Bedenken der Vergänglichkeit, des Enden-Müssens von uns Menschen und der ganzen Natur, der Schöpfung.

Der Herbst gibt uns wie keine andere Jahreszeit Gelegenheit, Melancholie zu pflegen, etwa bei einem Spaziergang durch den Wald und über Felder. Oder Zuhause beim Nachsinnen über das Leben und die Welt.

Es gibt ein berühmtes Gedicht von Rainer Maria Rilke: „Herbsttag“.

Es bringt mit den Mitteln moderner Dichtkunst die wesentlichen religiösen Empfindungen eines Menschen zur Sprache, der den Herbst in sich aufnimmt und im Schauen der Natur zugleich sein eigenes Selbstverständnis vertieft.

HERBSTTAG
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
Gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

„Herr: Es ist Zeit …“ – das ist ein Gebet, das den Herbst ohne Wehmut bedenkt, wohl vorbereitet, gefasst, und aus dem Gefühl heraus, in einem tragfähigen Glauben geborgen zu sein. Dafür steht als Bild des Hauses“ bei Rilke.
Dieses Bild beschreibt in unnachahmlicher Symbolsprache Gefühle der Einsamkeit, Unstetheit, des Getrieben- und Ausgesetztseins, der rast-losen Unruhe, die sich einstellen, wenn man kein „Haus“ hat und sich keines mehr bauen kann und wird, weil es jetzt zu spät ist.

Wer im Sinne des religiösen Lyrikers Rilke „ein Haus hat“, also im Glauben geborgen ist, braucht sich vor keinem Herbst, dem Erleben des Herbstes von anderen Menschen, auch seinem eigenen Verwelken und Vergehen zu fürchten. Der kann, gut biblisch, seine Sorgen auf Gott werfen.

Diese Geborgenheit im Glauben, das Gefühl, von Gott getragen zu sein im Werden und Vergehen, das wünsche ich Ihnen in diesem Herbst – lassen Sie seine verschiedenen Farben auf sich wirken und spüren Sie dahinter die Güte Gottes, der größer ist, als wir es begreifen können und uns mit seiner Güte und Liebe umfängt.

Ja - Psalm 36: „Herr, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.“

Amen.

 

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