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20.10.2019 - 18. Sonntag nach Trinitatis

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Predigt von Pfarrer Johannes Habdank
am 20.10.2019, 18. Sonntag nach Trinitatis, St. Johannes Baptist, Berg
"Über die reformatorischen Grundprinzipien angesichts Jakobus 2, 14-26
"

Lesung aus Jakobus:
Was hilft's, Brüder und Schwestern, wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke? Kann denn der Glaube ihn selig machen? Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und Mangel hat an täglicher Nahrung und jemand unter euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat – was hilft ihnen das? So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber.
Aber es könnte jemand sagen: Du hast Glauben, und ich habe Werke. Zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, so will ich dir meinen Glauben zeigen aus meinen Werken. Du glaubst, dass nur einer Gott ist? Du tust recht daran; die Teufel glauben's auch und zittern. Willst du nun einsehen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist? Ist nicht Abraham, unser Vater, durch Werke gerecht geworden, als er seinen Sohn Isaak auf dem Altar opferte? Da siehst du, dass der Glaube zusammengewirkt hat mit seinen Werken, und durch die Werke ist der Glaube vollkommen geworden. So ist die Schrift erfüllt, die da spricht (1.Mose 15,6): »Abraham hat Gott geglaubt und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden«, und er wurde »ein Freund Gottes« genannt (Jesaja 41,8). So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein. Desgleichen die Hure Rahab: Ist sie nicht durch Werke gerecht geworden, als sie die Boten aufnahm und sie auf einem andern Weg hinausließ? Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.

Predigt:
Liebe Gemeinde,
es gibt bekanntlich vier reformatorische Grundprinzipien: Sola fide, sola scriptura, solus Christus, und sola gratia. Und dann gibt es noch ein fünftes: Solo verbo (allein durch das Wort), das den worthaften Charakter der anderen vier beschreibt und grundlegt. Bleiben wir bei Vieren: Sola fide (allein durch den Glauben), sola scriptura (allein durch die Schrift), sola gratia (allein durch die Gnade), alles in Christus gegründet: solus Christus (allein Christus). Diese Grundsätze bedingen und durchdringen einander wechselseitig mit der Intention, den Glauben nicht an die Kirche zu binden, sondern an den Einzelnen in seinem Herz und Gewissen als dem wahren Ort der Gottesbeziehung, der  Religion. Es geht Luther um Persönlichkeitsglauben, persönlichen Glauben. Die „Gemeinschaft der Gläubigen“, die Kirche, ist für ihn lediglich eine abgeleitete Größe aus den vielen Einzelnen, die glauben. Die Kirche als autoritäre Heilsinstitution wird sozusagen ersetzt durch den „autonomen“, in Glaubensdingen selbst mündigen einzelnen Gläubigen und sein unmittelbares Glaubensverhältnis zu Gott und Jesus Christus. Der Christenmensch hat sich nur an dem zu orientieren, was ihm persönlich als Glaube gegeben ist und gnadenhaft einleuchtet, bezogen auf den Maßstab der Bibel.

Also: der Glaube allein, sola fides, rechtfertigt den Menschen vor Gott, behauptet schon Paulus und dann die Reformation!

Im Jakobusbrief, wie vorhin gehört, heißt es nun aber: der Mensch wird durch Werke gerecht, nicht allein aus Glauben: der Mensch wird durch Werke gerecht, nicht allein aus Glauben, heißt nicht nur aus Glauben, denn: der Glaube ohne entsprechende Werke, die aus ihm folgen, ist tot! Hätte Jesus auch so sagen können, er hat es in anderen Worten ausgedrückt: an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen! Der Jakobusbrief legt entsprechend den Akzent auf die Werke, und ist damit natürlich für alle Formen von Werkgerechtigkeit und katholischer Verdienstlichkeitsreligion die biblische Grundlage geworden, indem ein Zusammenwirken von Glauben und Werken als entscheidend angesehen wird. Die konfessionellen Unterschiede zwischen den Kirchen heute, sind also schon in der Bibel angelegt. Wobei die Reformation nie behauptet hat, dass es keiner Werke bedürfe, sie sollen sich nur frei aus dem von Gott geschenkten Glauben heraus wie selbstverständlich ergeben, und nicht um irgendeines Verdienstes vor Gott willen. Und deswegen ist die Grundlage für die Werke nach lutherischem Verständnis nach wie vor „nur“ der Glaube. Was ist das eigentlich: Glaube?

Und damit bin ich beim ersten reformatorischen Prinzip: sola fide. Nun, „glauben heißt nicht wissen“, sagt der Volksmund; das Wissen sei dem Glauben himmelweit vorzuziehen, so manche Wissenschaften, auch Materialismus und Sozialismus – nein! Religionswissenschaften und Theologie beschäftigten sich mit dem Phänomen des Glaubens im Sinne religiöser Lebensdeutung wieder verstärkt: Glauben, sagen sie, ist ein ganz wesentliches Element des Lebens. Der Glaube ist als Welt- und Lebensdeutung ein entscheidender Bestandteil der Einordnung von Wirklichkeit für jeden Menschen. Jeder begegnet jeden Tag der sogenannten  Realität. Damit er aber mit dieser Realität angemessen umgehen kann, damit er sie für sich annehmen und dann auch bewältigen kann, dazu braucht er eine Deutung, einen Glauben. Der Glaube deutet seine Realität. Jeden Moment in seinem Leben. Ob etwas objektiv falsch oder richtig ist, weiß der Glaube nicht. Ob etwas falsch oder richtig ist für mich, das entscheidet mein Glaube. Er bearbeitet das, was wir wissen, kennen, erleben, überhaupt zur Kenntnis nehmen und auch das, was wir lieber nicht wissen wollen, was wir vergessen oder verdrängen. Das ist seine Aufgabe. Glaube ist der hilfreiche und überlebenswichtige Deutungsfilter meines Lebens. Damit ist aber nun überhaupt noch nichts gesagt über den Inhalt meines Glaubens. Ob ich Atheist bin – auch der Atheismus ist eine Form des Glaubens -, Muslim, Hindu, Jude oder Christ. Glaube ist das Sieb, durch das Wissen und Wirklichkeit als letztbezogene Deutung in mein Leben hineinkommen.

Darum hat die Reformation noch drei andere Maßstäbe gesetzt – und erst alle vier zusammen stecken das Feld unseres protestantischen Glaubens ab.

Sola scriptura  ist dabei die grundlegende Orientierung an dem, was die Bibel erzählt. Das Thema allen Nachdenkens über die Schrift ist aber nur eines: Der Mensch vor seinem Gott. Gott selber hat – so schon die ersten Seiten der Bibel – die Erde und die ganze Welt und auch den Menschen am Anfang geschaffen und siehe, das alles war „sehr gut“. Die Fragen des modernen Wissens über die Evolution will das Alte Buch nicht lösen, wollte es nie lösen. Die Bibel will nie erklären, wie die Schöpfung der Welt vor sich ging. Das Wie interessiert sie nicht, sondern die Frage, auf die auch die moderne Wissenschaft keine Antwort hat: Das Warum, mit der Hauptauskunft: Jedes Leben ist verdanktes Leben, letztlich von Gott geschaffen!

Die Stellungnahme der Bibel ist eindeutig: Weil Gott es so wollte. Unsere Existenz auf diesem Globus ist kein Zufall, sondern entspringt Gottes Willen und gewinnt daher ihre Begründung, ihren Sinn und ihr Ziel. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. In dieser Schöpfung wirkt nun aber einer mit, der Kraft der Freiheit, diese Schöpfung sich untertan zu machen, und des Auftrags, sie zu bewahren, übers Ziel hinausgeschossen ist und täglich hinausschießt: Der Mensch, der selber sein will, wie Gott. Das ist das, was die Bibel Sünde nennt. Nicht die oft billigen und leicht zu brandmarkenden moralischen Verfehlungen, mit Vorliebe natürlich der anderen, sind seine Sünde. Sein zu wollen wie Gott, ist das Vergehen des Menschen an dieser Welt, das ist der Sündenfall schlechthin: sich über seine eigentlichen Möglichkeiten als Geschöpf zu erheben und selber Gott und Schicksal spielen zu wollen. Und so ist die Welt nicht mehr die, die sie bei Gott war. Sie nicht mehr „sehr gut“. Daher war es – so unser Glaube – aus der Sicht Gottes unabdingbar, eine grundlegende Korrektur zu wagen:

Solus Christus ist nach dem NT nun der Versuch Gottes, seine Vorstellung vom Leben in seiner Schöpfung zu konkretisieren und um- und vielleicht auch durchzusetzen. Über Gott kann man sich ja wunderbar streiten, kein Mensch hat ihn je gesehen, wie der Apostel Pauls sagt, keiner kann ihm über die Schulter schauen und ihn richtig interpretieren – also war es seinerseits konsequent, so die biblische Darstellung, sich selber zu interpretieren und in der Welt bekannt zu machen. Und wie hat er das getan? Martin Luther hat das unvergleichlich klar und deutlich ausgedrückt. „Wer Gott erkennen und ohne Gefahr von Gott spekulieren will, der schaue in die Krippe. Heb unten an und lerne ernstlich erkennen der Jungfrau Marien Sohn, geboren in Bethlehem, so der Mutter im Schoß liegt und säuget an ihren Zitzen, oder am Kreuz hängt – danach will er fein lernen, wer Gott sei. Er ist in unser Fleisch kommen, hat sich in den Schoß der Mutter gelegt und lassen ans Kreuz schlagen. So ermahne und warne ich jedermann, dass man das Spekulieren anstehen lasse und flattere nicht zu hoch. Bleibe hienieden bei der Krippe und Windeln, darin Christus liegt, der Krippenherr und Windelfürst. Er säugt an der Mutter Brust und isst den Brei. In ihm wohnt die Fülle der Gottheit leibhaftig. Da kann man Gottes nicht fehlen, sondern trifft und findet ihn gewisslich.“

Das ist der Gott, an den wir Christen glauben: solus Christus, der menschliche Mensch, der die Welt verändern will und letztlich an der Realität unserer Welt verzweifelt, scheitert, an ihr zugrunde geht. Das hat nach biblischem Verständnis Gott veranlasst, letztlich eine neue Welt zuzusagen, die wir glauben können: Eine Welt, in der kein Geschrei sein werde, kein Schmerz und keine Tränen, wie es im letzten Buch der Bibel heißt, eine Welt, in der das Leben bei und mit Gott das Ziel sein soll; das Neue Testament  nennt das Auferstehung. So will Gott erlösen von dem, was uns in diesem Leben angetan wurde, was wir uns gegenseitig angetan haben. Das ist offenbar die göttliche Vision von gelingendem Leben, die wir auf Erden nicht werden realisieren können.

Und warum will Gott das alles tun? Weil er uns, weil er jeden von uns liebt – komischerweise – , weil er seine Welt, seine Idee, seine Menschen, seine Schöpfung, weil er das alles liebt und neu machen will. Nun wissen wir nicht, und man kann es auch nicht beweisen, ob das alles genau so stimmt. Aber ich weiß, dass wir darauf vertrauen sollen wie ein Kind auf die Zusagen seiner Eltern, seines Vaters, wie bei Jesus und seinem Vater im Himmel. Das ist zumindest eine Form von Realitätsdeutung, die ich vertreten kann. Ein mir befreundeter Pfarrer hat dazu gesagt: „Wenn ich es nicht glauben könnte, wäre das Leben für mich in weiten Bereichen nur gnaden-loser Egoismus, Zynismus, Verrat, eine Aneinanderreihung von Absurditäten, Macht, Sex, hie und da ein wenig Liebe, viel Boshaftigkeit, Sarkasmus, Schimpf, Schande und Tod. Ohne einen solchen Glauben wäre es – so glaube ich – kaum auszuhalten, dieses Leben.“ Und warum sollte Gott dieses alles lösen wollen, uns erlösen?

Sola gratia. Allein aus Gnade, allein aus seiner unerklärlichen Liebe. Sonst gibt es keinen Grund. Darum können wir da auch nichts dafür tun, wie Jako-bus meint. Der alte Streit zwischen den christlichen Konfessionen: Wir können da nicht mitwirken, wir können uns das nur gefallen lassen. Sola gratia. Das ist unser reformatorischer Glaube. Wie zur Schöpfung ganz am Anfang, können wir nichts beitragen. Wie wir auch am Weg Jesu von der Krippe ans Kreuz vor 2000 Jahren nichts ändern können. Und zu unserer Hoffnung auf eine neue Schöpfung Gottes können wir auch nichts, aber auch gar nichts tun, damit sie so real wird wie einst seine erste Schöpfung.

Was wir allerdings können: Wir können unseren Glauben ein wenig fruchtbar machen, ein wenig lebendiger und vor allem anderen plausibler, indem wir versuchen, wie Christus, der exemplarische Mensch, den Menschen zum Bruder oder zur Schwester zu werden. Mehr werden wir ohnehin nicht schaffen. Aber das wäre wenigstens eine kleine Frucht unseres Glaubens, sola fide.

Amen.


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