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24.11.2019 - UnSicher. Leben als Restrisiko

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Interdisziplinäres Symposium „UnSicher. Leben als Restrisiko“
Kulturverein und Evangelisch-Lutherische Kichengemeinde Berg, 24.11.2019, im Rittersaal Schloss Kempfenhausen, Berg

„Sind Sie sicher, dass Sie sicher sind? Zur Funktion der Religion heute.“
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe kulturinteressierte Freunde oder auch Kritiker der Religion - auch Kritiker können Freunde sein, und Freunde Kritiker!


1. Einstieg ins Thema:

„Sind Sie sicher, dass Sie sicher sind? Sicherlich nicht! Sichern Sie sich eine Sicherung bei Ihrer Versicherung. Sicher ist sicher! Sicherlich!“ So hat Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre ein Versicherungsunternehmen geworben – ich meine, es war die Colonia und nicht „der Herr Kaiser von der Hamburg-Mannheimer“, der das gesagt hat. Heute wird deutlich kürzer geworben mit dem „Rundum-Sorglos-Paket“. Nicht nur von Reiseveranstaltern und –versicherern, sondern von Unternehmen der Telekommunikationsbranche; „Rund-um-sorglos-Pakete“ werden auch von Anbietern für Arbeitsplatzverwaltungsprogramme, Hausgeräte-Herstellern von Waschmaschinen und Kühlschränken angeboten. Auch für Pellet-Heizungen gibt es so etwas, von Internet-Anbietern für Schüler-Nachhilfe, das trifft natürlich genau den Nerv der Eltern. Und einen sagenhaften Boom in den letzten Jahren erleben „Rundum-sorglos-Pakete“ in der Familien-Betreuungsbranche: da geht es mit Versorgungspaketen schon pränatal los über Geburtsvorbereitung und Hebammendienste bis hin zur Begleitung und Beratung nach der Geburt usw. - von der Wiege bis zur Bahre? In der Bestattungsbranche ist charakteristischer Weise bisher nur von „Vorsorge“-Angeboten die Rede, nicht vom „Rundum-sorglos-Paket“, das freilich dann einmal mehr umfassen sollte, als eine Redensart empfiehlt: „Praktisch denken, Särge schenken!“ Diese Redensart stammt aus dem Berlin der letzten Weltkriegsjahre (1944). Ein Sarg allein reicht aber auch heute nicht für den Todesfall aus! Nein: „God and Heaven included“ wäre gefragt, erst dann hätten wir auch da heute ein „Rundum-sorglos-Paket“ im Angebot!

„Sind Sie sicher, dass Sie sicher sind?“ In allen Lebenslagen, schon jetzt? Welchen Beitrag kann die Religion dazu leisten? Ich beschränke mich, berufsbedingt, auf die christliche Religion in reformatorischer und neuprotestantischer Entwicklung auf der Grundlage neuerer zeitdiagnostischer und religionsphilosophischer Deutungsentwürfe.

2. Entwicklungsgeschichtliches, Zeitdiagnostisches (Charles Taylor)

Charles Taylor, kanadischer Philosoph und Zeitdiagnostiker, zeichnet in seinen Werken „Das Unbehagen an der Moderne“, „Die Formen des Religiösen in der Gegenwart“ und „Ein säkulares Zeitalter“ die zunehmende Individualisierung des religiösen und des Selbst- und Weltbewusstseins kritisch nach.
Ausgehend von Renaissance und Reformation habe sich nach und nach eine Loslösung des individuellen religiösen Bewusstseins von der Institution Kirche ergeben. Angeblich auch in der Geschichte des Katholizismus habe sich die Unterscheidung von persönlichem Glauben und Kirchenglauben, von Person und Institution allmählich gesellschaftlich und individuell etabliert. Person und Institution seien demnach nicht mehr hierarchisch miteinander verbunden im Sinne der Unterstellung des Individuums unter die Institution und ihre Hierarchien und Traditionen, sondern – und das ist heute Fakt: der Einzelne ist selbst zum Maßstab für die Institutionen und Traditionen und seine eigene Lebens-deutung avanciert. Dieser jahrhundertelange Prozess der kulturellen und mentalen Individualisierung gehe also über die Aufklärungszeit, den Historismus und die klassische Moderne bis heute ungebremst weiter, in der Gegenwart in verschärfter Form. Nicht mehr das Individuum muss sich vor der Institution, welcher Art auch immer, vor irgendeiner Gemeinschaft wie Kirche oder Staat rechtfertigen, sondern umgekehrt: Kirche und Staat und jede andere Institution, bis ins heutige Vereinswesen hinein, müssen sich vor der Entscheidungsinstanz des individuellen Gewissens und seinem Urteil verantworten.

Wesentliches geschichtliches Movens ist dabei die Befreiung des Politischen vom Religiösen bzw. der Kirche mit dem Ergebnis der Ausbildung von gesellschaftlichen Subsystemen, wie man im Anschluss an Niklas Luhmann sagen würde: Ausdifferenzierung von politischem Herrschafts- und religiösem Lebensdeutungssystem. Individuelle Lebensdeutung und traditionelle Muster treten auseinander. Was ehedem als allgemein-verbindlich selbstverständlich galt, ist nicht mehr selbstverständlich. Was die Religion betrifft: Das Individuum ist nicht mehr durch allgemeines Institutionenwissen qua Kirchentradition und Kirchenglauben abgesichert, sondern schwebt mehr oder weniger im freien Raum. Glaube ist nicht mehr die Übereinstimmung mit einem überindividuellen religiösen Lebensversicherungssystem, sondern der Einzelne ist letztlich auf sich selbst gestellt vor Gott und in der Welt, auch im Gegenüber zu kirchlichen Lehrmeinungen. Alles UnSicher?

Charles Taylor nennt das, was sich schon lange angebahnt habe, und was wir heute vorfinden, „neuen Individualismus“: der habe sich heutzutage insbesondere seit den 1960er Jahren deutlich verschärft: „Neben dem moralisch-spirituellen Individualismus haben wir es nun auch mit einem weitverbreiteten `expressiven´ Individualismus zu tun. Das ist natürlich nichts Neues. Der Expressivismus war eine Erfindung der Romantik im späten 18.Jahrhundert. Intellektuelle und künstlerische Eliten suchten das ganze 19.Jahrhundert hindurch nach der authentischen Lebensweise oder nach der authentischen Weise, sich auszudrücken. Neu daran ist, dass diese Art der Zugewandtheit zum eigenen Ich offenbar zu einem Massenphänomen geworden ist. Ihre sichtbarste äußerliche Manifestation war vermutlich die Revolution im Konsumbereich“ (Formen, S. 71f.): Wohlstand für alle, Hinwendung zum Privatbereich, Auflösung traditionaler Sozialstrukturen und Beziehungsnetze, Konzentration aufs Privatleben, Schaffung neuer Märkte für junge Menschen, Jugendkultur, neue Kultur der Authentizität über Identifikation mit neu vorgegebenen Mustern wie Mode- und Musiktrends usw., also Pseudo-Authentizitätsschemen und –klischees, Markenbewusstsein, in dem man sein persönliches Lebensverständnis mehr oder weniger bewusst zum Ausdruck bringt, wenn auch in Verbundenheit mit massenhaft vielen anderen, pseudo-sozial: Massenhafter expressiver (Pseudo-) Individualismus ist die Signatur der heutigen Zeit, nach Charles Taylor, gepaart mit der Kultur einer Toleranz ohne klare Regeln und ohne Beschränkungen (anything goes), deren einzige Sünde die Nichttoleranz ist, egal wogegen, als Ausdruck einer Ethik der sog. Freiheit und des gegenseitigen Nutzens. Nach Charles Taylor gilt: „Die expressivistische Anschauung treibt diese Entwicklung allerdings (noch) ein Stadium weiter. Das religiöse Leben oder die religiöse Praxis, an der ich teilhabe, muss nicht nur meine Wahl sein, sie muss mir auch etwas ganz persönlich sagen. Sie muss unter dem Gesichtspunkt meiner spirituellen Entwicklung, so wie ich diese verstehe, sinnvoll sein. … . In dem neuen expressivistischen Glaubenssystem besteht keine Notwendigkeit, unsere Bindung mit dem Sakralen in irgendeinen besonderen, größeren Rahmen einzufügen, sei es die Kirche oder der Staat.“ (Formen, 84f.).

Nach Taylor werden die Menschen in der Moderne entweder wertmäßig und sozial-strukturell völlig fragmentiert oder völlig von einem der Kultursubsysteme, insbesondere dem Konsumkapitalismus, aufgefressen bzw. dominiert. Ein messbares Resultat sei – was die Religion betrifft – ein „zahlenmäßiger Anstieg derer, die sich als Atheisten, Agnostiker oder Religionsloser“ (S. 95) verstehen. Nur noch der radikale Subjektivismus zählt in Hinsicht auf gesellschaftlichen Umgang und seine Regeln, persönliche Wertewahrnehmung und Wertesetzung, persönliche Sinnorientierung und Lebensdeutung, also auch Religion.
Dem Ganzen liegt nach Taylor eine elementar neue Grundeinstellung der Lebensauffassung zugrunde: die der „Authentizität“, und zwar so, dass im Ergebnis das Individuum durch diese gesamte neuzeitliche Entwicklung hin zu einem verschärften Individualismus einerseits zu sich selbst befreit ist, von vielen äußeren Zwängen entlastet, zugleich aber auch in der Persönlichkeitsstruktur, weil vielen neuen Beeinflussungen freiwillig oder zwangsweise ausgesetzt, fragmentiert ist, also tendenziell zerbrechlich und erhöht konfliktbeladen in seiner Identität. Und das gilt heute nicht nur für einzelne Individuen, sondern in der Masse der Gesellschaft. Wobei die vereinzelte Identität und ihr Hang zur inszenierten Authentizitätskultur oft auch konterkariert wird durch das tendenziell uniformierende Leben in einer industriell, technisch und bürokratisch geprägten Gesellschaft. So dass Selbstverwirklichung und Selbsterfüllung vielfach auch nur entfremdet stattfinden kann in Klischees, die dem eigentlichen Originalitätsanspruch auf die eigene Lebensdeutung und –führung im Sinne von wahrer Authentizität zuwider laufen. Zwischen wahrer und entfremdeter Authentizität leben wir also heute?

Im anthropozentrischen Zeitalter eines institutionenkritischen – und damit sind nicht nur Staat und Kirche, sondern z.B. auch Ehe und Familie und ihre Auflösungstendenzen gemeint - : in Zeiten einer Fragmentierung der Persönlichkeit und Zerbröselung herkömmlicher oder auch neuer allgemeiner Werte, eines oft sprunghaften Subjektivismus und Narzissmus: hat da bzw. was hat welche Form von Religion, insbesondere christlicher Religion dem Menschen heute noch zu sagen? Welche Funktion kann Religion heute noch haben?

3. Zur Funktion der Religion

Derzeit sind es vor allem drei Vertreter der deutschen Gegenwartsphilosophie, die etwas zur möglichen Funktion der Religion unter heutigen Bedingungen – und nicht erst heutigen - zu sagen haben:

Erstens: Der in Starnberg ansässige Jürgen Habermas, der jüngst mit über 90 Jahren ein zweibändiges monumentales Werk der Philosophiegeschichte unter dem Gesichtspunkt „Glauben und Wissen“ veröffentlicht hat. Es wäre zwar top-aktuell, auf ihn einzugehen, ich bin aber derzeit, was Habermas betrifft, nicht auf der Höhe der Zeit, weil die zwei Bände zwar im Bücherregal stehen, aber nicht gelesen sind, nur diverse Rezensionen, aber das genügt nicht, nur aus zweiter Hand informiert, sich zu äußern, das ist zu dünn und wäre unredlich.

Zweiter relevanter Philosoph der Gegenwart, zu dem ich mich schon eher äußern kann: Der 2015 gestorbene skeptische „Transzendentalbelletrist“, wie er sich selbst genannt hat, Philosoph Odo Marquard, der in seinem einschlägigen Beitrag „Apologie des Zufälligen“ der Religion in der Sache die Funktion der Kontingenzkompensationskompetenz zuschreibt, wie ich es analog zu seinem Begriff der "Inkompetenzkompensationskompetenz" in anderem Zusammenhang nenne. Das ist ein sehr schönes Wort und ein treffender Gedanke, nämlich: die unausweichlichen Zufälle und Schicksale des Lebens (Kontingenz = Zufall) werden auch unter den heute erschwerten Bedingungen, wie sie Taylor zeitdiagnostisch interpretiert, von der Religion auffangend und deutend zu bewältigen (zu kompensieren) versucht: genau das sei die Zuständigkeit der Religion: Kontingenzkompensationskompetenz. Marquard steigt mit dieser seiner Funktionsbeschreibung ein auf die Binnenlogik und Selbstwahrnehmung der Religion: auf das Zurechtkommen mit dem Leben an seinen Schnittstellen und Übergängen, auf die Bewältigung von Lebenskrisen, auf das Leben mit den Unwägbarkeiten, Zufällen und Schicksalen, die es deutend zu bewältigen gilt, um damit leben zu können. Religion soll in letzten Fragen zumindest Deutungsangebote machen und insofern Sicherheit bieten und günstigenfalls Vertrauen zum Weiterleben anregen.
Damit ist genau das Anliegen beschrieben, das ich zum Beispiel in meinem Beruf als Pfarrer und Seelsorger zu realisieren versuche: etwa bei wichtigen Ereignissen des Lebens religiöse Lebensdeutung und –hilfe zu geben, von der Taufe über diverse Stationen des Lebens bis zum Umgang mit dem Tod und der Trauer. Kontingenzkompensationskompetenz - dieses Wort verwende ich natürlich nicht am Grab bei einer Beerdigung. Aber genau das, was es meint, passiert da. Der Begriff ist eine gute Außenbeschreibung der Funktion von Religion, natürlich auch das Leben und den deutenden Umgang der Leute selbst betreffend, nicht nur als Tätigkeitsbeschreibung eines Pfarrers.

Als der dritte relevante Klassiker der deutschen Gegenwartsphilosophie gilt Hermann Lübbe, gebürtiger Ostfriese, viele Jahre in der Schweiz lebend und lehrend, auch schon über 90. Er vertritt ähnlich wie Odo Marquard die These: „Religion ist Praxis der Kontingenzbewältigung“, also: Wie kommen wir mit der Endlichkeit des Lebens, mit Schicksalsschlägen zurecht? Dieses Problem, das jeder hat, auch der sog. Atheist, versucht die Religion zu bewältigen, dafür ist sie da. Und sie ist auch für die Frage da, über Marquard hinausgehend: wie gehen wir mit moralischer Schuld um? Und da merkt man, dass Lübbe auch evangelischer Theologe ist: „Moralische Schuld verjährt bekanntlich nicht. In die Praxis religiöser Buße umgesetzt heißt das, dass die Beichtbedürftigkeit der Sünden kein Verfallsdatum kennt. Was vergeben ist, bleibt vergeben und wird, wenn es ehrlich einbekannt war, auch beim Jüngsten Gericht, soweit wir wissen, nicht wieder aufgerollt. Aber alle übrigen Sündenfälle bleiben dauerhaft pendent.“ Soll heißen: es hängt einem ewig nach, wenn man mehr oder weniger schwer schuldig geworden sein sollte im Leben.

Kleiner Exkurs: Es gibt ein erhellendes Buch von Hermann Lübbe, das den Titel trägt: „Ich entschuldige mich“. Es beschreibt die Geschichte der bundesrepublikanischen Entschuldigungskultur für vergangene Verbrechen, etwa an den Juden oder den Polen. Sie kennen alle oder haben es im Fernsehen schon öfter miterlebt, den sog. zivilreligiösen politischen Ritus, der sich zunehmend herausgebildet hat: dass sich Staatsleute stellvertretend für ihr heutiges Volk entschuldigen für vergangenes Unheil, das z.B. von Deutschen früher einmal angerichtet wurde. Klassisches Beispiel: der Kniefall von Willy Brandt in Polen. „Ich entschuldige mich.“ Stellvertretend für unser Volk, für unser heutiges Volk für Taten von damals. So etwas wird auch heute noch immer erwartet, es kann auch von anderen erwartet werden: etwa von den Türken bei den Armeniern – derzeit vergeblich.

Aber was ist das überhaupt für eine Redensart? „Ich entschuldige mich.“ Wer kann eigentlich wen entschuldigen? Kann man das wirklich sagen: „Ich entschuldige mich“? Geht das so einfach? Ein Konzernchef hat jahrelang Steuern hinterzogen oder seinen eigenen Laden beschissen, Du hast jahrelang jemanden schwarz bei Dir zu Hause beschäftigt – „ich entschuldige mich“? Ist es dann so einfach vorbei? Sich selbst entschuldigen? Oder durch wen sonst soll Entschuldigung geschehen? Die Kirche? Von Gott? Der Mensch, an dem man schuldig geworden ist? Schuld ist in einem letzten Sinne auch ein Thema der Religion, schon immer. Es ist ein urmenschliches Thema, das bleibt, egal wie sich die Zeiten entwickeln.
In Fragen der religiösen Lebensbewältigung gibt es kein adäquates funktionales Äquivalent, nach Lübbe. Religion ist nicht ersetzbar, ist notwendig.

4. Protestantische Entwicklungslinien in die Moderne hinein

„Sind Sie sicher, dass Sie sicher sind? Sicherlich nicht“! Mit diesem Spruch könnte man auch Luthers Basiserfahrung beschreiben, die ihn, als geistlich geplagten und gequälten Augustinermönch mit viel Angst und Gottesfurcht gedrückt und schließlich zu seiner genialen Einsicht in die Freiheit eines Christenmenschen gebracht hat. „UnSicher“ war insofern das Grundmotiv der Reformation gegenüber einer gesetzlichen, ablassorientierten Kirche damals - die Sicherheit kam erst aus der Freiheit von Gesetzlichkeit und Ablasswesen: eine Befreiung des religiösen Individuums von der Kirche zu sich selbst.
Die Reformation ist der Auslöser für die Entwicklung eines neuzeitlichen Religionsverständnisses und der späteren Trennung von Staat und Kirche. Und zwar mit dem, was wir heute „Luthers subjektive Wende“ nennen.

Luther unterscheidet zwei Arten des Glaubens: fides historica, etwas missverständlich, hat nichts mit heutigem historischen Bewusstsein zu tun: damit ist die ganze biblisch-christliche Heilsgeschichte und Tradition als Gegenstand des Glaubens gemeint; sie hatte damals in Staat und Kirche noch objektiven Tatsachen- und Wahrheitsstatus. Wer davon abwich oder etwas bezweifelte, galt wie einer, der heute daran zweifeln würde, dass München an der Isar oder Berg am Starnberger See liegt, und galt entsprechend als verrückt - mit allen Konsequenzen der Ausgrenzung aus der Gesellschaft und der sie damals noch maßgeblich beherrschenden Institution Kirche. Nicht diese fides historica, sondern die fides apprehensiva, der persönlich aneignende Glaube, damals schon etwas ganz Modernes, war für Luther entscheidend. Das kann man sich an seinem Dictum über den biblischen Spruch „Gott ist die Liebe“ sehr schön klar machen - und das kann so oft in der Bibel stehen, wie es mag: genau ein einziges Mal! -, wozu Luther sinngemäß sagt: Was nützt es mir, wenn Gott die Liebe ist - und er ist es aber mir nicht? Religiöser Individualismus seit 500 Jahren! Nur, was Du glauben kannst, was dir einleuchtet, gilt für dich!

Die andere grundlegende bereits reformatorische Unterscheidung ist die von religiösem Subjekt und Institution Kirche: Maßgebliche Instanz der Glaubensaneignung ist nicht die Kirche, sondern sind für Luther Herz und Gewissen des Einzelnen. Die Kirche ist „nur“ eine aus den vielen einzelnen Gläubigen abgeleitete Größe, zwar menschlich unverfügbar geistgestiftete Gemeinschaft der Heiligen, die aber immer auch Unheilige zugleich sind. Und als sichtbare Institution ist die Kirche auch nicht besser als jede andere weltliche Einrichtung und Organisation, erleben wir auch heute immer wieder. Vor 500 Jahren schon: modernste fundamentale Institutionenkritik!

Vor Kaiser und Reich beruft sich Luther gegen die Kirche und ihre Traditionen, auf Vernunft und Gewissen – neuzeitträchtig. Infolge der Reformation kommt es zur Ausdifferenzierung des westlichen Christentums und zur Zersplitterung in verschiedene christliche Konfessionen, so dass der kirchliche Glaube an Integrationskraft verliert, ja selbst durch seine Differenzierung die gesellschaftliche und politische Pluralisierung bewirkt.

Also wir Protestanten sind letztlich verantwortlich für den religiösen, politischen und institutionellen Pluralismus in der Neuzeit und für die ganze Freiheitsgeschichte des Individuums? Ja. Und Kant, Schleiermacher, Fichte, Hegel, alle wichtigen Denker der klassischen Philosophie waren Protestanten. Und nach dem protestantischen Max Weber ist auch die moderne Marktwirtschaft eine mentale Folge des calvinistischen Protestantismus, und die soziale Marktwirtschaft ist auch sehr stark protestantisch induziert.

So liegt es nahe, als angemessenes religiöses Muster für die heutige Zeit und Lebensdeutungsthematik unter den zeitdiagnostischen Bedingungen von „UnSicher“ einen aufgeklärten, modernitätsoffenen und gesellschaftlich und biografisch sensiblen Neuprotestantismus zu empfehlen, der die geistige und religiöse Lage nicht beschönigt, aber eben nicht mit konservativen oder reaktionären, institutionell-bürokratischen oder gar fundamentalistischen Reaktionsmechanismen und Inhalten als Lösungsvorschlägen aufwartet, sondern sich frei und traditionskritisch und –erneuernd der Lebensdeutung des Einzelnen widmet, sich auch gesellschaftlich einbringt, aber darüber nicht sein ureigenstes Thema vernachlässigt, wie das heutige offizielle Evangelische Kirchentum, das sich gerne als Moralwächter der Welt zu allen möglichen sozialen und politischen Themen äußert: es geht um die Sinndeutung des Lebens vor dem Letzthorizont und um den Umgang mit elementaren Lebensproblemen heute.

Dabei muss gerade mit Blick auf das Konstituens des jeweiligen religiösen Bewusstseins, also Gott selbst, das Absolute, oder wie Sie es immer nennen wollen, bewusst bleiben, dass nichts Weltliches und schon gar kein Mensch und nichts Menschliches, auch nicht die Kirche, irgendwie göttlich oder absolut zu setzen sind, nein! Es geht um das Bewusstsein, dass wir uns immer im Bereich des Relativen, Unzulänglichen, Endlichen und letztlich Ungewissen bewegen. Insofern gibt es auch keine absoluten Gewissheiten, auch und gerade nicht in einer glaubwürdigen Religion, die sich und ihre eigene Organisation nicht selbst überschätzen darf.

Es geht um ein Leben mit, wenn überhaupt, aufgeklärter Religion als individueller Lebensdeutung, das bewusst ein Leben bleibt in Unsicherheit mit jederzeitigem lebensdeutungsmäßigem Restrisiko - Vertrauen ins Ungewisse hinein – wenn es nicht in irgendeine Sorte von mehr oder weniger unreflektierter Autoritätsgläubigkeit oder Fundamentalismus abrutschen will. Die Spannung der Unsicherheit bei einem Leben „als“ oder „im“ Restrisiko ist auszuhalten, darum geht es, lebenslänglich, lebenslang.
Mit dem großen katholischen Ökumeniker Karl Rahner formuliert:

„Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten.“ Ich füge hinzu: „die Unbegreiflichkeit des Lebens aushalten.“
Absolute Sicherheit wäre ja auch langweilig und totalitär. Wer will das schon?

5. Schlussplädoyer

Ich komme zum Schluss: Religion, Lebensdeutung, Lebensbewältigung wird auf die eine oder andere Weise praktiziert, meist ganz persönlich und privat. Und oft auch durchaus in Abgrenzung zu dem, was ich persönlich im Sinne eines aufgeklärten Neuprotestantismus für angebracht und für vielversprechend halte. Vieles wird heute oft geglaubt, Religion blüht heute aller Wege, Umwege und Abwege. Und man glaubt ja gar nicht, was die Leute alles glauben! Das sind für mich alles geistige Narkotika! Denken Sie etwa an New Age (inzwischen Old Age), Esoterik, Okkultismus, kapitalismuskomplimentären Soft-Buddhismus für gestresste Wohlstandsbürger am Wochenende im fernöstlich gestylten Garten mit Buddha-Figuren, zur Nervenstärkung, um dann am Montag im Betrieb wieder voll reinzuhauen – ist immer mehr en vogue, gerade auch am Starnberger See: schauen Sie mal nach, wie viele Buddha-Figuren in den Gärten inzwischen herumstehen –
jetzt hör´ ich lieber auf, verehrte kulturinteressierte Freunde der Religion!
Nur ein biblisches Wort noch, vom Apostel Paulus: „Unser Wissen ist Stückwerk … Wenn aber kommen wird das Vollkommene, wird das Stückwerk aufhören. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht.“ (aus 1. Korinther 13) Hab Dank für Ihr Ohr.

Literatur:

Volker Drehsen, Wie religionsfähig ist die Volkskirche? Sozialisationstheoretische Erkundungen neuzeitlicher Christentumspraxis, Gütersloh 1994.
Wilhelm Gräb, Religion als Deutung des Lebens. Perspektiven einer Praktischen Theologie gelebter Religion, Gütersloh 2006.
Thomas Bauer, Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt (Reihe: Was bedeutet das alles?), Stuttgart 112019.

Hermann Lübbe, Religion nach der Aufklärung, Graz, Wien, Köln, 1986.

Hermann Lübbe, >Ich entschuldige mich<. Das neue politische Bußritual, Berlin 2001.

Odo Marquard, Inkompetenzkompensationskompetenz? Über Kompetenz und Inkompetenz der Philosophie (1974), in: ders., Abschied vom Prinzipiellen, Stuttgart 1981, S. 23-38.

Odo Marquard, Apologie des Zufälligen. Philosophische Überlegungen zum Menschen, in: ders., Apologie des Zufälligen. Philosophische Studien, Stuttgart 1986, S. 117-139.

Christian Modehn, Religion vor der Herausforderung der Vernunft. Zum 85. Geburtstag von Jürgen Habermas, Berlin 2014, https://www.religionsphilosophischer-salon.de.

Christian Modehn, Jürgen Habermas wird 90, Berlin 2019, https:/www.religionsphilosophischer-salon.de.

Charles Taylor, Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt 2012, S. 788-842.

Charles Taylor, Die Formen des Religiösen in der Gegenwart, Frankfurt (stw 1568), 52019.

Charles Taylor, Das Unbehagen an der Moderne, Frankfurt (stw 1178), 102018.

Peter Vogt, Kontingenz und Zufall. Eine Ideen- und Begriffsgeschichte. Mit einem Vorwort von Hans Joas, Berlin 2011, S.676-687.

Diverse Lexikon-Artikel zu „Sicherheit“ und „Unsicherheit“ (HWbPh, TRE, RGG, Wikipedia).

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