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25.10.2020 - Gottesdienst mit Konfirmandeneinführung

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Mitschnitt vom Gottesdienst am 25.10.2020
mit Konfirmanteneinführung

Pfarrer Johannes Habdank

 

 

 

 

Predigt von Pfarrer Johannes Habdank am 25.10.2020,
20. Sonntag nach Trinitatis, im Katharina von Bora Haus,
Gottesdienst mit Konfirmandeneinführung

Die Predigtgeschichte für den heutigen Sonntag steht geschrieben bei Markus im 2. Kapitel, die Verse 23-28, es geht um Jesu Verhältnis zum Sabbatgebot.

Das Ährenraufen am Sabbat.

Und es begab sich, dass er am Sabbat durch ein Kornfeld ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjatars, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.
Und in der darauffolgenden Geschichte heilt Jesus in der Synagoge von Kapernaum einem Mann die abgestorbene bzw. verdorrte Hand: auch wieder an einem Sabbat. Woraufhin die Pharisäer sich mit den Leuten des Herodes treffen, um zu beraten, wie sie Jesus ein Ende bereiten könnten.

Liebe Gemeinde,
wie es aussieht, hat Jesus Konflikte um zentrale Gebote seiner jüdischen Tradition wie das Sabbatgebot bewusst provoziert. Denn sicher nicht ohne sein Wissen, sondern mit seiner Tolerierung haben seine Jünger auf dem Wanderweg am Sabbat durch ein Kornfeld Ähren gerauft, gerupft – gezupft. Einfach so? Weil´s Spaß macht?
Warum Ährenraufen am Sabbat, wo das doch verboten ist? Es gilt als ernteähnliche Tätigkeit und damit als Arbeit. Du sollst aber ruhen am Sabbat!

Manche Ausleger des Textes meinen: die Jünger hätten sich und Jesus einen Weg durch das Feld bahnen wollen. Kann sein, im Urtext heißt es auch tatsächlich wörtlich: sie begannen einen Weg zu machen. Dazu braucht es aber mehr als nur Ährenraufen. Ist also nicht ganz sicher als Motiv. Andere Ausleger sagen: der Wanderprediger Jesus und seine Jünger hätten immer wieder einmal unterwegs nicht genug zu essen gehabt, somit aus Hunger und Not Ähren gerupft und die Körner gegessen. Ja, Not kann zum Mundraub verleiten! Was freilich darüber hinaus mit erklären könnte, warum Jesus, wenn er dann wieder einmal in eine Ortschaft kam und eine Gelegenheit dazu fand, sich gerne einladen ließ zum gemeinsamen Essen und Trinken, ja, sich auch gerne selbst einlud (zumindest bei seinen Gegnern war er ja bekanntlich als „Fresser und Säufer“ verschrien). Letzteres, also was den Hunger und seine unterschiedlichen Möglichkeiten, ihn zu stillen, betrifft oder gar die Konsumgewohnheiten des Herrn: das mag alles so gewesen sein, bleibt aber letztlich Vermutung, wenn auch mit hoher Wahrscheinlichkeit.

Das Motiv der Jünger, Ähren zu raufen am Sabbat, ist also nicht ganz geklärt. Es dürfte, wie gesagt, auch eine gewisse Lust zur Provokation dabei eine Rolle gespielt haben, aus Überzeugung. Und dann ist nicht so sehr das Motiv interessant, sondern die beabsichtigte Wirkung. Wirkung auf wen? Auf die Pharisäer! Die haben nämlich offensichtlich die Jünger und Jesus draußen auf dem Feld beobachtet, wie Markus berichtet. Dann müssten sie freilich in der Nähe des Feldes gewesen sein! Feldstecher, Ferngläser, Operngläser und ähnliches gab es noch nicht! Welche Pharisäer können es also nur gewesen sein, wie manche meinen: pharisäisch geprägte Bauern, die die Jünger beim Ährenraufen am Sabbat auf ihren Feldern gesehen, „erwischt“ und Jesus als den Verantwortlichen zur Rede gestellt hätten? Wir wissen es nicht. Im Gegenteil: die nachfolgende Heilungsgeschichte legt nahe, dass es gebildete, ja Berufs-Pharisäer waren, Religionsprofis, die dann auch den Kontakt zu den Herodes-Leuten aufnahmen. Dann allerdings wäre es sehr peinlich und entlarvend in dieser Geschichte, ja so etwas wie der „heimliche Clou“ an ihr, nämlich: dass es gerade für streng gesetzestreue Juden am Sabbat völlig verboten war, sich soweit von ihrem Zuhause wegzubegeben. Zum Tempel oder zur Synagoge und zurück ja, und in einem engen Umkreis vielleicht noch gerade erlaubt, aber zum Kornfeld draußen? Das galt ja selbst schon als Verletzung des Sabbatgebots! Dann würden also an sich auf strenge Gesetzestreue verpflichtete Pharisäer unter selbst schon eigener Brechung des Sabbatgebots Jesus und seine Jünger der Verletzung des Ruhegebots am Sabbat bezichtigt haben? Eine delikate, süffisante, eher verdeckte Pointe dieser Geschichte, wenn man so zwischen den Zeilen lesen darf!

Liebe Gemeinde, das einzig Sichere, was dasteht, ist die Antwort Jesu, bewundernswert schlagfertig und klar: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. Das gilt für jeden Menschen. „Um des Menschen willen“, heißt es. Also „um jedes Menschen willen.“ Nochmal: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, nicht der Mensch um des Sabbats willen.
Markus lässt Jesus dazu noch einen Nachsatz sprechen, sodass diese Aussage eine Zuspitzung gewinnt: „So ist der Menschensohn ein Herr auch des Sabbats“, warum? Weil er, wie die Bezeichnung „Menschensohn“ besagt, selbst ein wahrer Mensch, ja der exemplarische Mensch ist! Und um ihn, den Menschen schlechthin geht es. Er ist der Maßstab für alles andere und alle anderen.

Damit thematisiert, liebe Gemeinde, diese Geschichte etwas, was schon immer ein Problem war und auch heute noch ist und wohl auch immer sein wird, ein Thema, das nach wie vor präsent ist, oft auch lästig und ärgerlich, die Frage: Sind Vorschriften, Gesetze, Ordnungen und Institutionen dazu da, das Leben zu regelnd oder zu regulieren, einzuengen und fremd zu bestimmen bis hin zur gängelnden Durchführungspraxis mit Kontrollen bis in die letzten Ecken, selbst draußen auf dem Felde? So dass die Menschen, mit Jesus gesagt, für das Gesetz und nicht das Gesetz für die Menschen da ist?

Es geht im Kern um die Lebensdienlichkeit von dem allen: von Vor-schriften, Gesetzen, Ordnungen.

Grundsätzlich haben die ja alle einen positiv regelnden und entlastenden Sinn, wie wir seit dem Philosophen Arnold Gehlen mit seiner Institutionentheorie wissen - und damit ist gemeint: Es muss nicht jede Situation im Leben von jedem gänzlich neu erlebt, erfasst, eingeordnet, geregelt und bewältigt werden. Das wäre für uns Menschen eine zu gro-ße Belastung in der alltäglichen Lebensführung. Deshalb sind Regeln, Gesetze, Ordnungen, Konventionen, auch Traditionen grundsätzlich erstmal gut, weil sie uns entlasten und im sozialen Zusammenhang halten und sinnstiftend wirken - können.

Und so sahen die Pharisäer damals und sehen auch heute noch orthodoxe, strenggläubige Juden die göttlichen Gebote und ihre Untergebote und Detailregelungen, die alles bis ins Einzelne, jeden Einzelfall genau regeln, als lebensdienlichen Rahmen zur strukturierten Sinngebung des persönlichen und sozialen, religiösen Lebens, also auch die vielen Bestimmungen zum Sabbat als Lebenschance, den Sabbat lebensdienlich und gottgerecht zu leben. Wer diese Grenzen übertrat, sollte des Todes sterben, so die Maßgabe seit über 500 Jahren vor Christus.

Der Sabbat sei für den Menschen da, das konnten die Pharisäer in diesem ihrem Sinne auch sagen, wie Jesus. Nur Jesus verstand unter demselben Satz genau das Gegenteil! Die durchaus kritische, spontan menschenfreundliche, lebensdienliche freie Handhabung der Gebote war für ihn entscheidend.

Und das ist ja auch das Problem noch heute bei Vorschriften, Gesetzen und Geboten aller Art, aktuell gerade wieder Corona: wann schlägt ihr an sich positiv gedachter Sinn und Lebenserhaltungssinn um in ins Gegenteil: in Einengung, Gängelung, Fremdbestimmung, Knechtung, ja Lebensfeindlichkeit?

Da wird sicher jedem auch zu vielen anderen Bereichen des Lebens etwas einfallen und wird jeder von uns bereits genug eigene Erfahrungen gemacht haben, je älter, desto mehr: sei es mit der zunehmenden Bürokratie allerorten: Sie soll eigentlich lebensdienlich und entlastend sein, ist es aber beileibe nicht immer. Sei es im Familienrecht, Verkehrsrecht, Immobilienrecht, Baurecht, Pflegegesetzen, Heimrecht, Asylbewerberrecht, Flüchtlingsrecht, Immissionsschutzgesetz, Arbeitssicherheitsbestimmungen, Brandschutzverordnungen, Gesetze zur Altersversorgung - oder auch schon die AGB zu einem Reisevertrag für den Urlaub, bei deren Lektüre einem die Reiselust schon fast vergehen könnte - oder auch das Kleingedruckte von Leihwagenmietverträgen – um nur einige Beispiele willkürlich herauszugreifen – Prüfstein für sie alle wäre nach Jesus: Menschen- und Lebensdienlichkeit – ja!
Liebe Gemeinde, ich kann Ihnen versichern, die Kirchengesetze funktionieren – ob katholisch oder evangelisch – genauso, selbstverständlich besser und vor allem viel lebensdienlicher! …

Zurück zu Jesus und seinen Jüngern: das Ährenraufen am Sabbat war ein grundsätzlicher Angriff auf etwas, was in der jüdischen Religion und Tradition damals wie heute zentral ist. Der Sabbat hat das Judentum schon immer von allen anderen Religionen unterschieden, an ihm herum zu machen, ihn und seine Gebote freier zu leben und zu handhaben, war problematisch bis gefährlich. Dass Jesus das Ährenraufen seiner Jünger zugelassen hat oder auch am Sabbat geheilt hat, zeugt von großem Mut, Mut zur Lebensdienlichkeit - auf die Gefahr hin, sich Ärger einzuhandeln. Für Jesus selbst war es, im Nachhinein gesehen, ein erster Schritt auf seinem Weg Richtung Kreuz. Wie gesagt: die Pharisäer haben wenig später mit den Herodianern überlegt, wie sie ihn beseitigen könnten.

Solche Konsequenzen drohen uns heute nicht, wenn wir Gesetzes- oder Institutionenkritik üben an Zuständen, die wir für nicht oder nicht genügend menschen- und lebensdienlich halten.

Insofern: lassen wir uns ermutigen von Jesus, kritisch Position zu beziehen, wo wir es für geboten halten, in und außerhalb der Kirche, und zwar immer am Maßstab der Lebensdienlichkeit, die natürlich auch unterschiedlich verstanden werden kann, gerade auch heute im aktuellen Kontext:
aus der freien Verantwortung und Freiheit eines Christenmenschen heraus, deren Ursprung im Umgang Jesu selbst mit den Geboten liegt. Schon da ging es nicht nur ums Ährenraufen am Sabbat, sondern die menschliche Freiheit im Leben vor Gott. Amen.
Und der Herr sei mit eurem Geiste.

Amen.
 

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