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25.12.2019 - 1. Weihnachtstag

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Predigt von Pfarrer Johannes Habdank über Lukas 2, 25-32
am 25.12.2019, Christfest I (1. Weihnachtstag), Katharina von Bora-Haus, Berg
"Über die religiöse Figur des alten Simeon
"

Lesung Lukas 2, 22-33
Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz des Mose um waren, brachten sie ihn hinauf nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen, wie geschrieben steht im Gesetz des Herrn (2.Mose 13,2; 13,15): »Alles Männliche, das zuerst den Mutterschoß durchbricht, soll dem Herrn geheiligt heißen«, und um das Opfer darzubringen, wie es gesagt ist im Gesetz des Herrn: »ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben« (3.Mose 12,6-8).
Und siehe, ein Mensch war in Jerusalem mit Namen Simeon; und dieser Mensch war gerecht und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war auf ihm. Und ihm war vom Heiligen Geist geweissagt worden, er sollte den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. Und er kam vom Geist geführt in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach: Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zum Preis deines Volkes Israel. Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde.

Predigt
Liebe Gemeinde,
nicht einen Tag, sondern biblisch acht Tage nach der Geburt des Christuskindes spielt die Simeonsgeschichte, wenn auch weniger spektakulär, auch vom Heil, das Menschen mit der Geburt des Heilandes widerfahren ist.

Gehört haben Sie die Geschichte eben schon, die der Evangelist Lukas für seine Zeitgenossen, für uns und für alle Zeiten formuliert und aufgehoben hat – und zwar nur er. Weder Matthäus noch Markus noch Johannes erzählen überhaupt oder gar lange von der Geburt und Kindheit Jesu; es ist immer Lukas: Seine Kindheitserzählungen kommen uns heutigen, modernen Menschen entgegen, die wir ja seit der Romantik zunehmend mit der immer noch stärkeren Konzentration auf das Individuum ein ausgeprägtes Interesse an Biographien entwickelt haben, an der Entwicklung eines ganz persönlichen Menschenlebens, von seiner Geburt an, auch mit Vorgeschichte, Prägungen und Sozialisation. Erst im 19. Jhd. hat sich in protestantischen Gefilden Europas die Feier des Geburtstags der Menschen allmählich durchgesetzt, bei großen Herrschern und ganz berühmten Persönlichkeiten gab es das natürlich schon immer, auch in der Antike. Das Weihnachtsfest für Jesu Geburt hat sich im 4.Jh.n.Chr. entwickelt, um das römische Sonnengott-Fest christlich zu überbieten und abzulösen: am 25. Dezember. Ostern war schon sehr früh gefeiert worden. Aber unser ganzer heutiger Weihnachtskult ist – ja, eben erst modern!

Zurück zu Lukas: Auf sein Interesse an der menschlichen Entwicklung Jesu von klein auf ist auch die heutige Predigtgeschichte zurückzuführen, wobei wir da in der evangelischen Kirche so kurz nach Weihnachten etwas früh dran sind: Gerade erst ist Jesus geboren worden, da wird er auch schon in den Tempel getragen – was aber nach dem Gesetz erst am 40.Tag nötig war. Der 40.Tag nach der Geburt Jesu ist am 2. Februar, am Tag Lichtmess (heißt so, weil da Kerzen geweiht werden und Lichterprozessionen stattfinden). Dahin gehört die Erzählung eigentlich. Weil das aber ein Marienfest war, rümpfte die lutherische liturgische Kommission der evangelischen Kirche in Deutschland lange Zeit die Nase und wollte es nicht begehen – als würde der Text deswegen nicht genau dorthin passen! Darum steht er bei uns also kurz nach Heiligabend auf dem Programm.

Zum Inhalt: Josef und Maria waren treue und fromme Juden wohl aus Jahrhunderte alten jüdischen Familien. Den jüdischen Gesetzen gehorchten Josef und Maria darum natürlich auch an zwei wichtigen Tagen: Acht Tage nach der Geburt musste ein Junge beschnitten werden – heutzutage fällt das mit dem Neujahrstag zusammen. 40 Tage nach der Geburt musste ein Junge dem Herrn im Tempel dargebracht werden, dargestellt werden; Hintergrund zum Verständnis: Der Erst-geborene galt als Eigentum Gottes und musste daher ausgelöst werden durch ein Tieropfer, wie gehört, und zwar zum Dank. Das war immer eine bewegende Angelegenheit, aber vermutlich wenig feierlich. Wir wissen es nicht recht. Der Tempel war riesig und wurde von Hunderten gleichzeitig genutzt, auch von vielen Händlern, wie wir wissen, die dort Opfertiere und vieles andere verkauften. Irgendeinen kleinen Ort, an dem sie anbeten, danken und opfern konnten, werden Maria und Josef im großen Gelände gefunden haben, um dem Gesetz Genüge zu tun. In der alten Kirche wurde dieser Gang nach Jerusalem als Jesu erster Einzug in Jerusalem interpretiert.

Nun wurden täglich viele und vieles im Tempel Gott dargebracht, seit Jahrhunderten. Genau an diesem Tag der Darstellung Jesu im Tempel, am kleinen Altar, den Maria und Josef gefunden hatten, ist auf einmal alles ganz anders! Da steht nämlich ein alter Mann mit Namen Simeon. Auch er ein frommer Jude. Wie alle Juden wartet er seit tatsächlichen bzw. gefühlten Jahrhunderten auf den Messias, der das Volk Israel erlösen und Frieden und Freiheit bringen wird, politische Freiheit von der Römerherrschaft. Als sich Maria und Josef mit dem Kind dem Simeon nähern, nimmt der das Kind auf seine Arme und ruft aus: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.“

Wie kann so etwas zustande kommen? Wie geht so etwas? In seinem langen Leben wird Simeon, der ja schon so lange gewartet hat, Hunderte solcher Darstellungen von erst- und neugeborenen Knaben erlebt hat, auch aus der Nähe wahr- und in den Arm genommen haben – und da wird er ja wohl still gewesen sein und genau das, was er jetzt angesichts des Jesuskindes sagt, wohl noch nicht gesagt haben!? Viele Jahre sah er kommen und gehen, unzählige Elternpaare sind an ihm vorüber gezogen, und er hat gesehen: Nein, das ist er nicht, das ist er auch nicht, das sind sie nicht, der ist es wieder nicht … . Darüber ist er alt geworden. Und man kann sich vorstellen, dass er auch gezweifelt haben wird, ob sich die Verheißung Gottes wirklich noch an ihm erfüllen werde.

Aber dann, an diesem Tag im Tempel, sieht er und erkennt er sofort: Meine Augen haben deinen Heiland gesehen. Wie geht das? Wie hat er das gemacht?

Natürlich hat er das nicht selbst gemacht, sondern es ist ihm „geschenkt“ worden; es war eine Eingebung, wie man mit diesem schönen, alten Wort sagen kann. Er sieht etwas, oder besser: Er erkennt etwas, was viele andere nicht erkannt haben, und er bisher auch nicht: Dieses Kind ist schon und wird noch der Heiland, der Messias, der Gesalbte.

Liebe Gemeinde, es geht hier nicht alleine um das, was vor Augen ist. Vor Augen ist eine ganz alltägliche, jüdische Glaubensgeschichte der Gesetzesbefolgung: alle Erstgeborenen müssen Gott dargebracht werden. Es geht hier, in der banalen Alltäglichkeit dieser Geschichte um etwas Größeres: etwas Großes zu erkennen. Es geht um das, was hinter den Tatsachen ist; um ein genaues, hintergründiges Erkennen dessen, was man sieht. Also die Frage ist: Was erzählt das Einfache sonst noch? Was zeigt das Sichtbare, was vor Augen liegt, über sich hinaus? Was ist das geistige Sinnbild hinter dem Bild, das man sieht? Welches Geheimnis ist den Augen vielleicht verschlossen, öffnet sich aber dem geistigen Auge, dem schauenden Erkennen? Ja, es geht um das Erkennen:

Man kann vieles sehen und nichts erkennen. Man kann aber auch ganz wenig sehen und viel erkennen. So geht es Simeon. Zum soundsovielten Mal sieht er das gewöhnliche Bild, aber nun erkennt er: In dem, was hier geschieht, hinter der Fassade und mitten in den Kulissen ist Gott. Ich brauche den fernen Gott nicht länger abzuwarten. Der Ferne ist ganz nahe in den Geschichten des Alltags. Als erster Mensch erkennt Simeon, welches Geheimnis es mit dem großen Heil auf sich hat: Gott kleidet sich irdisch. Es ist, wie wenn du ein Geschenk auspackst!

Mit dieser wunderbaren Erzählung will Lukas unsere Sinne schärfen und sie auf ein Geheimnis lenken, das es heutzutage, im Zeitalter des Bildes und der vielen Bilder, besonders schwer hat: Schaut nicht alleine auf vordergründige Tatsachen und Geschichten, die euch bewegen und die vor euch und mit euch geschehen, sondern bemüht euch auch, das Geschehen zu befragen auf das, was dahinter liegt und es im Herzen zu bewegen, zu deuten. Sucht die Bedeutung, den Hintersinn, den religiösen Sinn hinter den Dingen und Begebenheiten. Macht euch die Mühe der Deutung, in verschiedene Richtungen. Dann – das ist die ermutigende Nachricht dieser Simeonsgeschichte – öffnet, weitet sich das Geschehen zu Gott hin. Dann erkennt man das Geheimnis, das man oft lange nicht sieht: Gott ist nicht fern. Und so ist Glaube an das Christuskind der Blick, der im Gewöhnlichen das Besondere sieht und im weltlichen Kleid den unsichtbaren Gott erkennt. Glaube ist ein Erkennen auf den zweiten Blick, man kann auch sagen: er ist dieser zweite, tiefer gehende Blick, der dem auf die Spur kommt, der hinter den Dingen steht: Gott, geahnt, erspürt, gewusst, erkannt, wie von Simeon, der spricht: Meine Augen haben deinen Heiland gesehen.

Amen.


 

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