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28.04.2019 - Sonntag Quasimodogeniti

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Predigt über den„ungläubigen Thomas“ am 1. Sonntag nach Ostern (Quasimodogeniti)
von Pfarrer Johannes Habdank in Berg

Predigttext (Johannes 20, 19-29):
Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich's nicht glauben. Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Predigt:
Liebe Gemeinde, von jemandem, der nur schwer zu überzeugen ist und selbst für Dinge, die auf der Hand zu liegen scheinen, Beweise sehen will, sollte man laut Duden, Band 11, Sprichwörter und Redewendungen, sagen oder zumindest sich denken: „So ein ungläubiger Thomas!“

Der Thomas ist sprichwörtlich geworden: als ungläubiger und als der, der den Finger in die Wunde legt. Stimmt das, was man so sagt? Hat Thomas den Finger in die Wunde gelegt oder nicht? War er wirklich ein Ungläubiger? Wieso eigentlich? Was hat er wem nicht geglaubt? Und worin hat er weniger geglaubt als die anderen Jünger?

Gut, er war ungläubig, und zwar den anderen Jüngern gegenüber. Ihren Worten schenkte er keinen Glauben. Sie hatten ihm erzählt, der Gekreuzigte sei ihnen als Auferstandener erschienen: „Wir haben den Herrn gesehen!“ Das glaubte er ihnen nicht.

Die Skepsis des Thomas ist verständlich, liebe Gemeinde, und zwar aus einem doppelten Grund:
Der erste Grund: Es lag damals, als Jesus lebte und starb, gewissermaßen im religiösen Trend der Zeit, von besonders vorbildlichen Persönlichkeiten des jüdischen Glaubens- und Geisteslebens hinterher zu glauben, sie seien auferstanden. Das war in der Tradition der jüdischen Apokalyptik, deren Vorstellungswelt sich in den letzten Jahrhunderten vor Christus zunehmend verbreitet hatte. Insofern ist der Auferstehungsglaube des Urchristentums nichts grundsätzlich Neues. Neu, damals brandneu, war, dass nun auch Jesus auferstanden sein sollte: Ausgerechnet er, der sich von so vielen jüdischen Leitbildern und traditionellen Vorgaben mit seinem „Ich aber sage euch“ deutlich abgegrenzt und abgesetzt hatte? Ausgerechnet er, der gegen die Messias-Erwartungen seiner Zeit, auch seiner eigenen Jünger, bewusst das klägliche Ende am Kreuz auf sich genommen hatte? Ja, genau der sollte nun auferstanden sein und bleibende, ewige Bedeutung gewonnen haben? Das konnte ja wohl nicht wahr sein! Thomas wollte es nicht glauben. Verständlich?

Der zweite Grund: Die damalige Erfahrungswelt war durch und durch religiös durchdrungen. Sie war voll von Göttern und Dämonen, Visionen und Erscheinungen aller möglichen Götter und Heroen. Fromme Erscheinungswunder standen sozusagen auf der religiös-enthusiastischen Tagesordnung, offenkundig auch am dritten Tag nach Jesu Kreuzigung!?

Thomas mochte es nicht glauben! Er war nicht dabei gewesen. (Bei der Auferstehung selbst übrigens gar keiner, sofern sie ein von den Erscheinungen des Auferstandenen unabhängiges Ereignis war). Wer weiß, ob überhaupt und, wenn ja, wer da den anderen Jüngern erschienen war?

Wie zum Beweis – „wie“ sage ich, denn in religiösen Dingen gibt es keinen objektiven Beweis!, also:  – wie zum Beweis fordert Thomas eigenes Erleben: er möchte selber dessen gewiss werden, dass nicht irgendwer, sondern Jesus, der Gekreuzigte auferstanden und der wahrhaft Lebendige ist. Ihn will er auch sehen.

Was will Thomas also mehr, als die anderen Jünger wie von selbst, von Christus selbst, geboten bekommen hatten? Sie hatten den Gekreuzigten als ihren lebendigen Herrn gesehen, er hatte ihnen die Hände und seine Seite gezeigt. Genau das will Thomas selber auch erleben. Darin unterscheidet er sich nicht von den anderen Jüngern. Er fordert nur auch persönlich für sich, was den anderen schon widerfahren war. Und nicht mehr?

Doch! Thomas will Jesus als seinen Christus nicht nur an seinen Wundmahlen sehender Weise erkennen, sondern auch seinen eigenen Finger auf die Wunden legen. Dass der Auferstandene ihm seine Wunden nur zeigen würde, ist Thomas zu wenig. Er will sie fühlen.

Ist es das, was den Thomas zum Ungläubigen macht? Er wollte selber fühlen, ja, das ist es – und das ist es eben gerade doch nicht! Denn: als acht Tage danach, wieder an einem Sonntag – wie heute? – Jesus Christus, der Herr, auch durch seine Tür bricht, da fordert er, der Auferstandene ihn, Thomas selbst auf, seine Wunden zu fühlen!


Thomas tut es - nicht. Er langt seinem Christus nicht in die Wunden. So weit kommt es nicht! Der, den er sieht, der fordert ihn zwar dazu auf: „Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite!“ Das aber tut Thomas tatsächlich nicht, zumindest steht davon nichts geschrieben.

Thomas reagiert erst auf das Wort: „Sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ Ich, der ich gekreuzigt wurde, bin damit nicht ein für allemal tot – nein, ich bin das wahre Leben, auch für dich! Erst und nur darauf reagiert Thomas, antwortet und spricht: „Mein Herr und mein Gott!“

Ja, mein Gott! Was haben wir nur aus dem gläubigen Thomas gemacht! Er, der dem, der nun auch ihm erschienen ist, aufs Wort geglaubt hat. Den haben wir in der christlichen Tradition und mit unseren Redensarten zum Ungläubigen abgestempelt! Er, der zwar erst mehr wollte, als den anderen zuvor beschieden war, der aber dann, als es für ihn darauf ankam, genauso wie sie dem geglaubt hat, der ihm erschienen ist, wie ihnen! Wir nennen ihn zu Unrecht den „Ungläubigen“, denn: im Ergebnis war Thomas nicht weniger gläubig als die anderen Jünger auch.

Liebe Gemeinde,
zwei Punkte sind es m. E., die einen heutigen Menschen an der Geschichte vom sog. ungläubigen Thomas faszinieren können.
Der eine Punkt ist der, dass Thomas gar nicht so ungläubig war, wie es immer heißt.
Und der andere Punkt ist, dass Thomas nur und erst seinem Herrn, als er ihm erscheint, auf´s Wort glaubt, und nicht einfach schon vorher der Kunde anderer traut und dem Hörensagen von seinen Genossen, nur weil sie es sind. Im Alltag sonst vielleicht schon; da ist man ja auf Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit im Umgang miteinander ständig angewiesen. Aber wenn´s um den Glauben geht? Da waren Thomas die Geschichten der anderen nicht einfach glaubwürdige, unhinterfragbare Autorität! Da wollte Thomas schon selber wissen, ob das stimmt. Die Bestätigung, dass der Gekreuzigte auferstanden sei, die hat er denn auch bekommen, vom Herrn selbst: Jesus nimmt den, der an der Glaubensansicht der anderen zweifelt, damit vollständig ernst, indem er ihm ein ganz eigenes, persönliches Erlebnis zuteilwerden lässt.

Liebe Leute, das hat etwas Urprotestantisches und auch sehr Modernes an sich. Nämlich: Glaube an Jesus Christus ist, nach dieser Ostergeschichte, nicht Glaube an das, was einem von anderen über ihn erzählt wird und altüberkommen ist, also, für heute gesprochen: nicht, was die kirchliche Tradition oder auch aktuelle Vertreter der kirchlichen Institutionen erzählen, schon gar nicht nur, weil sie es sind, die etwas über ihn behaupten! Glaube ist persönlich kritische, und dann vertrauensvoll aneignende religiöse Sinndeutung des eigenen Lebens und der Welt.

Wie bei Thomas, so sind auch heute nicht die anderen und ihr Glaube maßgebend! Sondern allein, was Du aus deinem Leben heraus glauben kannst, weil es dir persönlich einleuchten soll und muss. Und mag es nur ein Weniges sein: Weniger ist oft Mehr, gerade auch in Glaubensdingen. Es muss nur tragfähig sein und halten, was es verspricht.

Wir stehen bei aller Gemeinschaftlichkeit in Familie, Freundeskreis, Gemeinde und anderen sozialen gesellschaftlichen Bezügen – : wir stehen selber, jeder und jede von uns unvertretbar, alleine, ganz persönlich für sich vor Gott, jeden Tag, nicht nur in der Kirche, wo wir ja mehr oder weniger in Gemeinschaft sind, sondern auch sonst, wenn wir uns Gedanken über den Sinn und Hintersinn unseres Lebens machen, sei es zu Hause oder bei einem Waldspaziergang. Wenn wir etwa im Beruf mehr oder weniger einsam wichtige Entscheidungen treffen müssen und auch allein zu verantworten haben; wenn wir gegen oder für etwas sein müssen im Leben, in entscheidenden Lebenssituationen und allein die Verantwortung für die Konsequenzen tragen müssen.

Nicht erst am Ende des Lebens, aber da in besonderer, letztgültiger Weise stehst Du persönlich ganz alleine und für dich vor Gott: es mag Menschen geben, die dich begleiten, dir die Situation erleichtern – aber: im letztgültigen ethisch-religiösen Verhältnis und, was letztlich mit dir passiert, auch was das Leben danach betrifft: was glaube ich für mich? Da stehst Du alleine, du mit deinem Leben, vor dem letzten Horizont des Lebens, den wir Gott nennen.

Da hilft dir am Ende keine äußerlich-menschliche Autorität, keine Kirche mit ihren Lehren und Lehrern, kein Papst, kein Luther, keine Diözese, keine Landeskirche, auch kein biblischer Apostel, nein: letztlich nicht das, was die anderen sagen, sondern nur das, was ggf. dir davon jemals etwas gesagt hat und sagt, vor allem: dein eigener Glaube in dieser Lage: wie du dann deinen Gott erfährst. Und wenn es „nur“ das kaum hörbare, verborgene „Ja“ deines Gottes ist, das du in deinem Inneren für dich vernimmst.
     
Abschließend noch einmal zurück zum ungläubig-gläubigen Thomas.
Er musste sich von dem Auferstandenen sagen lassen:
Selig sind die, die nicht sehen, und doch glauben!

Das gilt auch für uns, liebe Gemeinde!
Auch wir haben ihn nicht gesehen, ihn, Jesus. Wir haben ihn persönlich nicht mitbekommen, wie er gelebt hat, gepredigt und geholfen hat, die Leute begeistert hat, und wie er ans Kreuz gegangen ist. Das hat Thomas. Auch wenn er wohl ganz zuletzt nicht dabei war aus Feigheit - wir wissen nicht, wie wir uns damals an seiner Stelle verhalten hätten. Aber Thomas hat es zeitgleich oder -nah mitbekommen.

Wie Thomas zunächst haben auch wir nur vom Hörensagen mitbekommen, dass der Gekreuzigte als Auferstandener den Seinen erschienen ist. Wie Thomas sind auch wir angewiesen darauf, dass uns Jesus in einem lebendigen, überzeugenden Bild vor Augen tritt und uns mit seiner Wahrheit einleuchtet. Denn auch wir müssen selber glauben können, jeder persönlich für sich, wie Thomas.

Die Thomas-Geschichte ist auch unsere Geschichte. Es mag dem einen schwerfallen, der anderen leichter, einzusehen, dass der biblische Thomas letztlich den Finger in unsere Wunde gelegt hat, um darauf hinzuweisen:

Dass es unumgänglich ist, dass jeder seinen eigenen Glauben ausbildet und auch zu verantworten hat, in unterschiedlichen, sich entwickelnden Stadien und Phasen des Lebens. Wie Thomas in seiner Situation, wissen wir selbst heute wissen auch nicht, ob und was vielleicht überraschend Neues und neues Leben Ermöglichendes auf einmal auf uns zukommt und uns neu werden lässt. Thomas selbst konnte mit seinem eigenen Auferstehungsglauben ja erst auch nicht rechnen, im Gegenteil. Er zweifelte zuerst daran. Zu recht.

Der Zweifel ist der erste Schritt zum Glauben. Ohne Zweifel kein Glaube: das ist ein menschlich-religiöses Grunddatum nach Luther. Glaube ist Überwindung von Zweifel, oft mühsam – falls einem das nicht einfach alles egal ist. Damals wie heute.

Du musst selber glauben können, wenn, wann und wie es dir gegeben wird. Ja, Du bist, „wir sind alle Thomas“!

Herr, hilf unserem Glauben und erneuere ihn!
Amen.

Und der Herr sei mit eurem Geiste. Amen.

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